jungen Welt vom 22.11.2001.Protestflaute im Internet
Mit verstärkten Kriminalisierungsversuchen wird auf politischen Widerstand im Netz reagiert
Peter Nowak

Weil die Welthandelsorganisation (WTO) ihr Gipfeltreffen Mitte November im kleinen Wüstenstaat Doha veranstaltete, blieb sie weitgehend unbehelligt von Protesten vor Ort. Doch längst schon haben die WTO-Gegner Mittel und Wege gefunden, ihren Protest auch virtuell zu äußern. Dabei spielt das Internet eine herausragende Rolle.

Federführend beim virtuellen Protest sind die Electrohippies, die wie vor zwei Jahren zur WTO-Konferenz in Seattle, gegen die Konferenz in Doha zum Internetprotest aufriefen. Anders als 1999 sollte diesmal die WTO-Homepage nicht lahmgelegt werden. Der Protest sollte lediglich durch das Versenden möglichst vieler Mails ausgedrückt werden. Auch andere Internetprotestler gaben sich betont zahm. So rief eine Initiative zu einem virtuellen »Sit In« gegen die »korporative Globalisierung« auf, indem über den offiziellen WTO-Server eine nicht existierende Website mit dem Phantasietitel »people before profit« aufgerufen werden sollte. Die Organisatoren betonten, daß das Ziel der Aktion nicht destruktiv, sondern symbolisch sei. Die WTO-Website sollte in ihrer Funktion verlangsamt aber keinesfalls außer Betrieb gesetzt werden.

»Die Action fiel diesmal vergleichsweise zahm aus, was möglicherweise den neuen Geist der Zeit widerspiegelt«, schreibt Online-Redakteur Armin Medosch im Internetmagazin Telepolis. Medosch sieht Ursachen in zunehmender Kriminalisierung des virtuellen Widerstands, der besonders nach den Anschlägen in den USA in die Nähe des Terrorismus gerückt wurde. In Großbritannien wurde Hacking per Gesetz sogar zur terroristischen Aktion erklärt. Auch in Frankfurt/Main hatte die Polizei bei einer Razzia Mitte Oktober in den Räumen der Gefangenenhilfsorganisation Libertad Computer und Disketten beschlagnahmt, weil die im Rahmen einer antirassistischen Aktion zu einer Online-Blockade der Lufthansa-Website aufgerufen hatte. Ob der zurückhaltende Kurs der Internetprotestler daran etwas ändern wird, muß bezweifelt werden. Das zeigte sich aktuell am Streit um die WTO-kritische Website gatt.org. Die WTO wollte auf juristischem Wege ihre Schließung erzwingen. Die Internetseite ähnelte in ihrer Aufmachung der offiziellen WTO-Website, transportierte allerdings globalisierungskritische Inhalte. Obwohl sie schon knapp zwei Jahre im Netz ist, reagierten die WTO-Verantwortlichen ausgerechnet während des Gipfels in Doha.

Für den Inhaber des Domainnamens gatt.org, Jonathan Prince, ist das Vorgehen gegen die WTO-Kritiker kein Zufall: »Es ist der Krieg, Bush hat null Toleranz populär gemacht, und jetzt herrscht Jagdsaison für jede Form von Dissens. Deshalb hat die WTO beschlossen, genau zum Zeitpunktder Konferenz in Doha die Website anzugreifen, um von eigenen abzulenken«. Allerdings gibt er den Zensurversuchen keine großen Erfolgschancen. Schließlich seien die Internetprotestler mit nötigem technischen Know-how für Gegenstrategien längst darauf vorbereitet. »Wird eine kritische Website abgewürgt, entstehen Hunderte neue.«

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