jungen Welt vom 21.11.2001Teile Istanbuls unter Kriegsrecht

Wie ist die Lage nach der Polizeiaktion?
jW sprach mit Eva Zeller von Prison Right Watch
interview: Peter Nowak

* Mitglieder von Prison Right Watch besuchten in den letzten Tagen Istanbul, um sich über die Lage der Menschenrechtsorganisationen nach den jüngsten Polizeiangriffen gegen »Widerstandshäuser« im linken Stadtteil Kücük Armutlu zu informieren. Eva Zeller war Teilnehmerin der Delegation

F: In der vergangenen Woche wurde der von linken Gruppen geprägte Istanbuler Stadtteil Kücük Armutlu zweimal von einem Großaufgebot der Polizei angegriffen. Wie ist die Situation in Istanbul?

Nach den Aktionen, die sich gegen die Widerstandshäuser richteten, ist der Stadtteil zur Zeit komplett von der Polizei besetzt. In diesen Häusern werden Angehörige von politischen Gefangenen im Hungerstreik betreut.

Derzeit dürfen nur die Bewohner das Viertel betreten. Selbst Anwälten wird jeder Zutritt verweigert. Journalisten können nur mit Erlaubnis der Polizei das Viertel betreten und werden dann von einer Einheit durch das Viertel geleitet. Jedesmal, wenn die Bewohner das Viertel verlassen oder betreten wollen, werden sie kontrolliert. Verdächtige können für mehrere Tage auf ein Polizeirevier zum Verhör mitgenommen werden. Die Polizei hat ein Haus im Stadtteil zur Polizeistation umgewandelt und blau angemalt. Die Bewohner wurden einfach vor die Tür gesetzt. Auf fast jedem Dach befinden sich Scharfschützen und Spezialeinheiten. 24 Stunden am Tag fahren Panzer durch das Viertel und ständig patrouillieren Polizeieinheiten. Willkürlich werden Hausdurchsuchungen durchgeführt und Menschen in ihren Häusern angegriffen. Alle Telefonverbindungen werden von einer Spezialeinheit abgehört. Sämtliche politischen Parolen, die auf Häuserwänden standen, wurden übermalt. Die Bewohner von Kücük Armutlu befinden sich, obwohl sie in einem Stadtteil mitten in Istanbul leben, in einem Gefängnis.

F: Gibt es mehr Informationen über die Zahl der Toten und Verletzten der letzten Militäraktion?

Kücük Armutlu wurde innerhalb weniger Tage zweimal angegriffen. Bei diesen Angriffen kamen vier Menschen ums Leben. Alle vier wurden bei der Erstürmung eines Widerstandshauses erschossen, in dem Hungerstreikende betreut wurden. Alle Opfer waren Mitglieder der Organisation der Angehörigen politischer Gefangener, TAYAD: Der 28jährige Sultan Yildiz, der 27-jährige Bülent Durgac, die 20jährige Arzu Güler, die sich im Todesfasten befand, und der 20jährige Baris Kas. Der Todesfastende Haydar Bozkurt verbrannte sich aus Protest gegen die Angriffe. Er stellte sich Polizei und Militär in den Weg und rief: »Stoppt das Massaker oder ich werde mich selbst verbrennen!« Dann zündete er sich an und lief auf die angreifenden Einheiten zu, die sofort auf ihn schossen. Er wurde von mehreren Kugeln getroffen. Viele Menschen wurden bei den Angriffen verletzt. Eine genaue Zahl ist nicht bekannt. Nach dem ersten Angriff gab es bereits zwölf Verletzte.

F: Es gab auch mehrere Festnahmen von Unterstützern der Gefangenen. Sind die mittlerweile wieder freigelassen worden?

Die Mitglieder des TAYAD-Sekretariats in Armutlu wurden verhaftet und bis jetzt noch nicht freigelassen. Die Verhaftungen begannen während der Angriffe und gehen bis jetzt weiter. Täglich werden Unterstützer der Gefangenen verhaftet. Genaue Zahlen sind nicht bekannt. Alle Menschen, die während des Angriffs Widerstand leisteten, wurden verhaftet. Die Widerstandshäuser wurden zerstört. Zur Zeit befinden sich weder Todesfastende noch Angehörige des TAYAD in Armutlu. Sie alle wurden verhaftet und nur teilweise wieder entlassen.

F: Wie geht der Gefangenenwiderstand nach der Räumung der Widerstandshäuser weiter?

Wir konnten den Todesfastenden Özkan Güzel besuchen, der während des ersten Angriffs verhaftet und in ein Militärkrankenhaus gebracht worden war. Derzeit befindet er sich wieder bei seiner Familie und setzt seinen Widerstand fort. Mehrmals täglich wird seine Familie von der Polizei belästigt. Auch alle anderen Todesfastenden setzen ihren Widerstand in den Gefängnissen oder bei ihren Familien fort.

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