ND vom 2.11.01Info-Kampagne über Arbeitskampf in den USA

Von Peter Nowak

Die geballte Arbeiterfaust hält einen Besen umklammert. Dieses ungewöhnliche
Symbol ist in den USA sehr bekannt geworden. Es steht für die Kampagne
»Justice for Janitors«, Gerechtigkeit für Reinigungskräfte.
Seit Mitte der 80er Jahre begann sich das Reinigungspersonal von zentralen
Hochhäusern und Handelsketten in den grossen Städten der USA zu organisieren
und kämpfte mit Streiks, Demonstrationen und anderen Aktionen für mehr Lohn
und kürzere Arbeitszeit. Dieser hier zu Lande kaum bekannte Arbeitskampf ist
auch das Thema bei dem kürzlich in vielen bundesdeutschen Kinos angelaufenen
Film »Brad and Roses« (Brot und Rosen), des sozialkritischen britischen
Filmemachers Ken Loach. »Der Film, den ich an manchen Stellen durchaus kritisch
bewerte, hat den Kampf der Reinigungskräfte in Europa tatsächlich in weiteren
Kreisen bekannt gemacht«, meint Valery Alzaga. Die Gewerkschaftlerin ist eine
der Organisatorinnen der Kampagne »Gerechtigkeit für die Reinigungskräfte« in
den USA. Gemeinsam mit Kimi Lee informierte sie kürzlich auf einer Rundreise
durch verschiedene Städte über einen der erfolgreichsten Arbeitskämpfe in den
USA in den letzten beiden Jahren. Danach sah es zunächst gar nicht aus. Die
Polizei ließ die Demonstrationen der Reinigungskräfte niederknüppeln und
einige Aktivisten inhaftieren. Doch schließlich zeigte sich, dass die Arbeiter den
längeren Atem hatten. Sie ließen sich nicht einschüchtern und setzten
schließlich ihre Forderungen in einigen Bundesstaaten durch.
Dabei hatten sie zunächst wenig Unterstützung der Gewerkschaften. Denn ein
Großteil der Reinigungskräfte ist aus Mexiko oder Südamerika in die USA
eingewandert. Viele haben keine gültigen Einreisepapiere und werden deshalb als
Illegale angesehen. Die beiden Referentinnen machten aber deutlich, dass eine
Legalisierung in den USA leichter zu bewerkstelligen ist als in Deutschland.
Das liegt hauptsächlich an dem großen Bedarf von Arbeitskräften in vielen
Bereichen der US-Wirtschaft vor allem in den Südstaaten.
Die Rolle der Gewerkschaften wurde von Lee und Alzaga differenziert gesehen.
In den letzten Jahren gebe es verschiedene Bemühungen bei der Organisierung
eingewanderter Arbeitskräfte. »Das ist vor allem einem zunehmenden
Bedeutungsverlust der Gewerkschaften in den letzten Jahren geschuldet«, meinte Alzaga.
Mit Informationsmaterial auch in spanischer Sprache sowie gezielten
Programmen, in denen über gewerkschaftliche Interessenvertretung informiert wird,
versuchen die Gewerkschaft, neue Mitglieder zu gewinnen und die dramatischen
Verluste bei der weißen Facharbeiterschaft wett zu machen. Auch Kim Lee betonte,
dass es wichtig ist, die Gewerkschaften nicht aus ihrer Verantwortung zu
lassen.
Mit dem Aufbau eines multiethnischen Migrantenzentrums soll ein
Organisationsversuch jenseits der Gewerkschaften in Gang gesetzt werden. »Wir stellen
Material in Chinesisch, Thai, Spanisch und Englisch zur Verfügung«, betont Lee,
weil viele der Arbeitsemigranten nicht englisch sprechen. »Wir versuchen das
Vakuum zu füllen, dass die Gewerkschaften hinterlassen haben«, meint Lee. Dem
stimmte auch die Gewerkschafterin Alzaga zu, die in der letzten Zeit an der
Ausarbeitung speziell für Migranten entwickelter Arbeitertrainings- und
Fortbildungsprogramme beteiligt war. Zumindest für ihre Gewerkschaft ist es
mittlerweile selbstverständlich, dass sie sich an der Kampagne für eine Amnestie
und Legalisierung der Papierlosen aktiv beteiligt.
Davon ist bei deutschen Gewerkschaften besonders auf höherer Ebene noch
wenig zu spüren; betonten mehrere Vertreter hiesiger Migrantenorganisationen, die
im Publikum saßen. »Ist hier ein Gewerkschafter, der uns in unserem Kampf
unterstützt«, fragte ein Afrikaner direkt ins Publikum. Ene Antwort erhielt er
nicht. Auch ein Vertreter des Polnischen Sozialrats mit Sitz in Berlin und
ein Aktivist der Call-Center-Iinitiative konnten keine Rezepte liefern, wie
sich Gewerkschaftskampf und antirassistische Aktivitäten verbinden lassen.
Da blieb bei manchen nur die Hoffnung, dass angesichts des Nachrückens
geburtenschwacher Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt bei der Wirtschaft der Bedarf
nach neuen Arbeitskräften steige und daher von dieser Seite der Druck nach einer
stärkeren Zuwanderung komme. Mit einem antirassistischen Anspruch –
wie die Referenten aus den USA und der hiesige Veranstaltungskreis formulierten
– hat das aber wenig zu tun.

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