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Humboldt-Universität prescht mit Juniorprofessoren vor

Von Peter Nowak

F ür Mut zum Risiko entschied sich der Akademische Senat der Berliner
Humboldt-Universität (HU) Mitte Juni als er einstimmig bei einer Enthaltung die
Ausschreibung von rund 30 Juniorprofessuren beschloss. Bereits anlässlich des
Tages des wissenschaftlichen Nachwuchses am 31. Mai hatte HU-Präsident Jürgen
Mlynek angekündigt, dass die HU als erste deutsche Hochschule dieses
Pilotprojekt in Sachen Nachwuchsförderung starten werde. Der universitätsinternen
Unterstützung hatte er sich schon in einem monatelangen Diskussionsprozess
versichert.

So war es denn auch keine Überraschung, dass der Beschluss im Akademischen
Senat ohne Gegenstimme und mit nur einer Enthaltung abgesegnet wurde. Auf
diese Geschlossenheit legt die Universitätsverwaltung großen Wert. Schließlich
betritt sie mit diesem Pilotprojekt gesetzliches Neuland. "Wir versprechen uns
davon, herausragende Nachwuchswissenschaftler zu gewinnen und den Grundstein
für exzellente Berufungen in den kommenden Jahren zu legen", umreißt Daniela
Voss vom HU-Präsidialamt gegenüber der FR die Vorteile, die sich ihre
Einrichtung durch die mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie der
Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Kultur abgesprochenen
Initiative verspricht.

Die Entscheidung sei allerdings nicht frei von Risiken, räumt Voss ein. "Wir
wissen nicht, wann die Dienstrechtsreform gesetzlich geregelt wird." Je
länger das dauert, desto ungewisser ist die Perspektive der neu eingestellten
Wissenschaftler. Zunächst sollen die Juniorprofessoren für die Dauer von drei
Jahren beschäftigt werden. Nach positiver Evaluierung der Leistungen in Lehre
und Forschung ist eine einmalige Verlängerung um weitere drei Jahre möglich.
Die Beschäftigung erfolgt nach den Maßgaben des Beamten- oder
Angestelltenverhältnisses auf Zeit.

Nach der gesetzlichen Einführung der Juniorprofessuren sollen die
Wissenschaftler in die neue Kategorie übergeleitet werden. Eine entsprechende Regelung
soll von der Wissenschaftsverwaltung in die Novelle des Berliner
Hochschulgesetzes eingebracht werden. "Wir schaffen hier rechtliche Konstruktionen auf
kommende Regelungen. Sollten die bald verabschiedet werden, funktioniert alles
bestens", meint der Personalratsvorsitzende des Hochschulbereichs an der HU,
Rainer Hansel. Sollte sich die Verabschiedung des Gesetzes allerdings
verzögern, sieht Hansel tarifrechtliche Probleme auf die Universität zukommen.

"Dann könnte die paradoxe Situation entstehen, dass die Juniorprofessoren
schlechter gestellt sind als ganz normale wissenschaftliche Mitarbeiter." Hier
sieht der Personalvertreter noch Gesprächsbedarf mit der Univerwaltung. Im
Notfall will er auch gerichtliche Klärungen nicht ausschließen. Es bestehe
allerdings nicht die Absicht, das Pilotprojekt Juniorprofessuren zu stoppen. Denn
grundsätzlich sehe man die Pläne positiv, betont Hansel. Detailkritik bei
grundsätzlicher Zustimmung äußert auch Marcus Pflaum. Der Mathematiker vertritt
den Mittelbau im Akademischen Senat der HU. Der habe schon vor mehr als drei
Jahren die Diskussion um die Einrichtung von Assistenzprofessuren in dem
Gremium der HU angestoßen und sei damals auf große Widerstände der Dekane
gestoßen.

Am aktuellen Projekt kritisiert Pflaum den Jugendlichkeitswahn, der sich für
ihn schon im Namen Juniorprofessur ausdrückt. Das Problem sei nicht der
fehlende Nachwuchs, sondern das fehlende Stellenangebot. Ein weiterer Kritikpunkt
von Pflaum ist die Kostenneutralität der Regelung. Ein Beitrag zum Abbau der
Akademikerarbeitslosigkeit sei das nicht, weil lediglich bestehende Stellen
umgewandelt, aber keine neuen geschaffen werden. Daher hätten viele
Professoren die berechtigte Sorge, ihre Assistenten zu verlieren, wenn sie jetzt auf
freiwilliger Basis Stellen für die Juniorprofessuren zur Verfügung stellen.

Auch die studentischen Vertreter sind über die konkrete Ausgestaltung des
Pilotprojekts nicht begeistert. Nur mangels Alternative und um dem Mittelbau
nicht in den Rücken zu fallen, habe man im Akademischen Senat nicht gegen das
Projekt gestimmt, erklärt Daniel Arpelt das zustimmende Abstimmungsverhalten
der vier studentischen Vertreter. Arpelt hatte sich als einziges
Senatsmitglied bei der Abstimmung enthalten. Fundamentalere Kritik äußert Daniel
Kretzschmar, der für Hochschulpolitik im HU-Referentenrat, wie der ASTA an
ostdeutschen Universitäten heißt, zuständig ist. "Das Projekt der Juniorprofessuren, wie
es jetzt für die HU beschlossen wurde, produziert schlecht bezahlte
Wissenschaftler ohne Arbeitsplatzgarantie", lautet sein harsches Verdikt.

Doch praktische Folgen für die studentische Politik kann sich auch
Kretzschmar nicht vorstellen. "Die Debatte um die Dienstrechtsreform ist für die große
Mehrheit der Studenten überhaupt kein Thema und auch unter den studentischen
Aktivisten ein Stiefkind," klagt der gewählte Studentenvertreter. So muss
die HU-Verwaltung nur hoffen, dass die Dienstrechtsreform noch in dieser
Legislaturperiode verabredet wird. Davon ist die Stellvertretende Pressesprecherin
des Bundesbildungsministeriums gegenüber der FR überzeugt.

Der HU-Entscheidung wird Signalwirkung zugesprochen. Es wird damit
gerechnet, dass weitere Universitäten - wie Marburg und Göttingen - mit der
Ausschreibung von Juniorprofessuren beginnen.

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