junge Welt23.04.2001Warum bleibt Hilfe für türkische Gefangene aus?
jW sprach mit Ilse Schwipper
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Über 180 Tage nach Beginn von Hungerstreik und Todesfasten in der
Türkei findet am heutigen Montag in Oldenburg eine Gedenkveranstaltung
mit Informationen zur Geschichte der »weißen Folter« statt. - Ilse
Schwipper hat als Gefangene selbst sechseinhalb Jahre in der BRD in
Isolationshaft gesessen, bevor sie im Mai 1982 als haftunfähig
entlassen wurde. jW sprach mit ihr

F: Sie haben selbst sechseinhalb Jahre in Isolationshaft gesessen.
Können Sie nachvollziehen, warum in der Türkei das »Todesfasten« als
gesteigerte Form des Hungerstreiks eingesetzt wird?

Sehr gut sogar, weil ich selbst einen Hunger- und Durststreik gemacht
habe und durch meine Haftbedingungen weiß, was sich in den
Gefängnissen der Türkei abspielt. Wer sich mit der Geschichte der
Hochsicherheitsgefängnisse beschäftigt hat, weiß sehr genau, daß ein
Kampf, um aus dieser Situation herauszukommen, nur einer auf Leben und
Tod sein kann.

F: Gefangene aus acht türkischen Organisationen sollen verkündet
haben, den Hungerstreik und das Todesfasten beenden zu wollen, weil
sie internationale Standards der neuen Gefängnisse akzeptieren.

Ich empfinde den Abbruch durch die Gefangenen als Streikbruch. Er
kommt einem Verrat an den weiter Hungernden gleich. Internationaler
Standard bedeutet nichts anderes als weiße Folter in Form von
Isolationsgefängnissen.

F: In den nächsten Tagen ist wohl mit weiteren Toten zu rechnen. Was
können Linke in Deutschland zur Solidarität noch tun?

Ich fühle mich ziemlich ohnmächtig, weil ich genau weiß, daß diese Art
Gefängnisse auch in Deutschland in den 60er Jahren Gegenstand der
Forschung war. In der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf hat ein
Professor Gros mit einem Doktor Kempe an der Camera Silenta (stille
Kammer) geforscht, wie Menschen sich in sensorischer Deprivation
verhalten. Sensorische Deprivation bedeutet totaler Entzug von
Sinnesreizen. Das wurde erstmals an den Gefangenen aus der RAF Ulrike
Meinhof und Astrid Proll in Köln-Ossendorf getestet. Stammheim ist ein
Ergebnis dieser Forschungen. Nicht umsonst hat eine türkische
Delegation 1997 Stammheim besichtigt, was durch eine Anfrage der PDS
vom Auswärtigen Amt bestätigt wurde.

Aus diesem Grund finde ich Appelle an deutsche sozialdemokratische
Regierungsbeteiligte ebenso falsch wie an Grüne. Ich denke, daß sich
eher bürgerliche Institutionen wie Amnesty International und die
Ärztevereinigung IPPNW gegen das Sterben einsetzen könnten. Daneben
muß die außerparlamentarische Linke ihre Aktionen überdenken.

F: Am heutigen Montag findet in Oldenburg im Kulturzentrum Alhambra
eine Veranstaltung zur Entstehung der weißen Folter und zu den Toten
in der Türkei statt. Was soll vermittelt werden?

In erster Linie die Entstehungsgeschichte der weißen Folter, die ja
weit zurückgeht. Nach meiner Kenntnis beginnt sie bereits im Jahre
1821 in den USA und hatte einen weiteren Höhepunkt in den 50er und
60er Jahren des 20. Jahrhundert im Rahmen der Aufstandsbekämpfung.
Ärzte in Psychiatrien haben dabei eine große Rolle gespielt. Die
Forschungen gingen in den 70er Jahren weiter. Ich denke, daß das bis
heute nur einer Minderheit bekannt ist. Um das Todesfasten zu
begreifen muß man die Geschichte dieser Forschungen zur weißen Folter
kennen. Deshalb mache ich auch solche Veranstaltungen wie in Oldenburg
und vermittle meine Erfahrungen.

Interview: Peter Nowak

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