TAZ vom 9.4.01Das rote Tuch in der Karl-Marx-Allee
Die Benennung einer Szenekneipe nach dem sowjetischen Schriftsteller
Ehrenburg ruft Rechtsradikale auf den Plan
Die Karl-Marx-Allee in Friedrichshain wird langsam zur neuen Berliner
Szenemeile. Das Café Ehrenburg, das dort kürzlich in unmittelbarer Nähe des
U-Bahnhofs Weberwiese geöffnet hat, liegt da ganz im Trend. Die spartanische
Innenausstattung mit sowjetischen Flair wird von einem matten Licht beschienen. In
einem Wandregal stapeln sich die gesammelten Werke von Lenin und Stalin.

Der Besitzer des In-Cafés, Lutz Penndorf, gilt als Szene-Trendsetter. 1991
eröffnete er das Café Silberstein in der Oranienburger Straße. Wenige Jahre
später folgte das Café Schwarzsauer in der Kastanienallee, lange bevor die
Gegend zur Szenemeile wurde. Mit seinem Domizil in der ehemaligen Stalinallee
glaubt Penndorf ebenfalls einen guten Riecher zu haben. "Viele junge Leute
werden hierher ziehen. Hier kommt was in Bewegung."

Doch die Bewegung, die das Café Ehrenburg bisher ausgelöst hat, hat er damit
wohl nicht gemeint. Seit der Eröffnung sieht sich die Szenelokalität nämlich
einer Rufmordkampagne wegen ihres Namensgebers ausgesetzt. Der sowjetische
Schriftsteller Ilja Ehrenburg hatte unter anderem während seiner Zeit als
Propagandist der Roten Armee gegen die Nazis die Parole ausgegeben: "Ein Tag, an
dem du keinen Deutschen getötet hast, ist ein verlorener Tag."

"Einen Mokka auf die Mörder", titelte nun eine Berliner Vertriebenenzeitung
über das Café, das sich nach "Stalins Kriegshetzer" nenne. Und in anonymen
Flugblättern, die in der Umgebung des Lokals verteilt wurden, werden noch ganz
andere Töne angeschlagen. "Das jüdische Leben breitet sich aus", heißt es
dort zur Einstimmung. Ehrenburg wird darin als "bolschewistischer
Volksverhetzer" mit "abartigen Veranlagungen" charakterisiert. Die Schreiben endeten mit
der Drohung "geeignete Maßnahmen durchzuführen, um der Verherrlichung des
Psychopathen Ehrenburg entgegen zu treten".

Es blieb nicht bei Worten. "Eine Gruppe von mehr als zehn Personen baute
sich vor dem Café auf und pöbelte die Gäste an", berichtet der
Ehrenburg-Barkeeper. Nachdem dies mehrfach passierte, habe man schließlich die Polizei rufen
müssen.

Doch die Café-Betreiber setzten sich auch inhaltlich mit den Angriffen
auseinander. In der Umgebung des Cafés verteilten sie einen Artikel, der die
Vorwürfe gegen den Schriftsteller zerpflückt. Dessen Verfasser weist nach, dass
schon die Nazis den Juden und Kommunisten Ehrenburg, der während des zweiten
Weltkrieges patriotische Gedichte für die Rote Armee schrieb, zum besonderen
Hassobjekt aufbauten.

Nach 1945 war es vor allem die rechtsradikale Nationalzeitung, des Chefs der
Deutschen Volksunion (DVU) Gerhard Frey, die die Kampagne gegen Ehrenburg
fortsetzte.

In den 60er-Jahren gab es zahlreiche Morddrohungen gegen den westdeutschen
Kindlerverlag, als der Ehrenburgs Schriften auf Deutsch herausgab.

Dass auch im Jahr 2001 der Name Ehrenburg für manche noch immer ein rotes
Tuch ist, erstaunt die Café-Mitarbeiter denn doch. "Wir waren erschrocken über
das Ausmaß an antisemitischen und antikommunistischen Verleumdungen", erklärt
der Barkeeper. PETER NOWAK

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