taz 7.5.2001Ein Mausklick ersetzt das Papierrascheln

Die Heinrich-Böll-Stiftung suchte auf einem
Kongress die Links zur
Wissensgesellschaft. Rege Diskussion vor Ort, maue
Resonanz im
Internet

Ein noch ungewohntes Bild. Fünf ReferentInnen
sitzen am
Podium. Zwei haben einen eingeschalteten Laptop vor
sich, auf
dem sie während ihres Referates hin und her
klicken. Mausklick
statt Papierrascheln - vielleicht ein Symbol für
den Übergang in
die viel zitierte Wissensgesellschaft.

Unter dem Motto "Gut zu Wissen - Links zur
Wissensgesellschaft" wollte die Grünen-nahe
Heinrich-Böll-Stiftung am Wochenende den
gesellschaftlichen
Dialog über die Wissensgesellschaft beginnen. "Wir
wollten
dieses Thema aus der Insiderwelt der Experten
herausholen",
erklärte Stiftungsleiter Ralf Fücks zur Eröffnung
am Freitagabend
in der Humboldt-Universität. Durch die große
Resonanz sah er
sich bestätigt. Unter den etwa 500 TeilnehmerInnen
war der
Anteil der Menschen unter 30 Jahren dominant.

Dabei wurde es zur Eröffnung gleich hochakademisch.
Die New
Yorker Professorin Nancy Fraser beschrieb, wie im
Übergang
zum Postfordismus die Klassenkämpfe alten Stils durch
Statuskämpfe ersetzt wurden. Obwohl sie in der
Abkehr vom
Ökonomismus der alten Arbeiterbewegung einen
emanzipatorischen Fortschritt sah, beschrieb sie
auch die Gefahr,
dass durch eine rein kulturalistische Politik die
sozialen Fragen
ganz auf der Strecke bleiben könnten.

Auch in den acht Foren, die sich am Sonnabend mit
nachhaltigem Wachstum, Kunst und Wissenschaft sowie
den
Veränderungen der Arbeitsbedingungen in der
Wissensgesellschaft befassten, überwog die
kritische Reflexion.
So ist in den typischen Arbeitsbereichen der
Wissensgesellschaft
wie den Call-Centern ein völliger Abbau sozialer
Rechte zu
verzeichnen. Ein Aspekt, der beim Kongress zu kurz
kam.

Alarmierende Tendenzen der Privatisierung von
Wissen wurden
unter der Fragestellung "Wem gehört das Wissen" in
einem
Forum aufgezeigt. Gabriele Beger von der Zentral- und
Landesbibliothek Berlin sieht durch die noch in
diesem Jahr
anstehende Anpassung des Urheberrechts an die
EU-Norm die
Existenz der öffentlich-rechtlichen Bibliotheken in
ihrer bisherigen
Form in Gefahr. Durch die Einrichtung teurer
Datenbanken
könnte ein neues Elitewissen entstehen, lautete
auch die Warnung
der übrigen PodiumsteilnehmerInnen. Der
Informatiker Rainer
Kuhlen schlug die Einrichtung von öffentliche
"Wissensservern"
als Gegenkonzept vor. Die Hindernisse auf dem Weg zur
Wissensgesellschaft zeigten sich auch in der Praxis.

An dem von der Böll-Stiftung initiierten
Pilotprojekt, der
Erstellung eines Bildungsmanifestes via Internet,
hatten sich
lediglich knapp 90 Personen beteiligt. Nur 10
Änderungsvorschlägen am Ursprungstext wurden letztlich
aufgenommen. Doch oft lassen auch die Tücken der
Technik zu
herkömmlichen Methoden Zuflucht nehmen. So sollten
auf einem
Kongressforum die Thesen per Computer an die Wand
geworfen werden. Nachdem sich das System dreimal
abgeschaltet hatte, wurde doch wieder der herkömmliche
Overheadprojektor eingeschaltet. PETER NOWAK

Infos zum eManifest: www.bildung2010de./eManifest

[Index] [Nowak] [Thematisch] [vor1999] [Chronologisch99] [Chronologisch 2000] [Chronologisch 2001] [Chronologisch 2002]