jungen Welt vom 31.12.2001Klassenkampf im Internet
Nicht mehr mit Flugblättern, sondern per E-Mail wollen die Gewerkschaften künftig Mitglieder gewinnen
Peter Nowak

Da sage noch jemand, daß die Gewerkschaftsbewegung nicht mit der Zeit zu gehen versteht. Über die Zeiten, da Gewerkschafter vor den Fabriktoren Flugblätter und Informationsmaterial verteilten, kann Maike Jäger nur lachen. »Unsere Klientel würde uns bestenfalls ignorieren, wenn wir vor ihrer Firma stehen«, meint sie. Jäger ist Internetverantwortliche des gewerkschaftlichen Projekts Connexx. Ins Leben gerufen wurde es von der Deutschen Angestellten Gewerkschaft (DAG) und den IG-Medien. Nach dem Zusammenschluß wurde es als Projekt der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di weitergeführt.

Erklärtes Ziel dieses gewerkschaftlichen Renommierprojektes ist es, im New-Economy-Sektor Fuß zu fassen. Das ist für die Gewerkschaft auch bitter nötig. Denn die jungen, »hypen« Angestellten der Branche waren bislang nicht gerade als gewerkschaftsfreundlich bekannt. Das hat sich in der letzten Zeit geändert. Die nicht als übermäßig klassenkämpferisch bekannte Hamburger Wochenzeitung Die Zeit schrieb kürzlich: »Die mehr als 20 in der New Economy gegründeten Betriebsräte belegen das inzwischen. Dort wächst das Bewußtsein, daß es auch in der neuen Wirtschaft einen Gegensatz der Interessen gibt: nämlich den zwischen Arbeit und Kapital.«

Es liegt vor allem an der Krise der New Economy, wo hinter den so vielgerühmten neuen Arbeitsbeziehungen jetzt die alten Ausbeutungsverhältnisse zum Vorschein kommen. Sinnfälligster Ausdruck dieses Bewußtseinswandels ist die Tatsache, daß selbst beim bisher garantiert gewerkschaftsresistenten Vorzeigebetrieb der Berliner New Economy Pixelpark ein Betriebsrat gegründet wurde. Das wäre ohne das Projekt Connexx nie geschehen, geben sich Insider überzeugt. »Die Pixelpark-Mitarbeiter wurden per E-Mail gezielt über die Möglichkeiten der Interessenvertretung informiert. In einem von Connexx moderierten Internet-Chat diskutierten die Beschäftigten intensiv über den Sinn einer betrieblichen Interessengewerkschaft, ehe sie sich mehrheitlich für einen Betriebsrat entschieden«, beschreibt Jäger das Vorgehen der Gewerkschaft. Die Betriebsräte und Mitarbeiter von Pixelpark und anderer New-Economy-Firmen loben die gute Beratung und Betreuung durch Connexx mehrheitlich, so das Ergebnis einer Studie.

Die Gewerkschaftsspitze von ver.di hat die Möglichkeiten des Projektes erkannt. Kein Wunder also, daß es zunächst bis zum Jahr 2005 verlängert wird, das Budget wurde verdoppelt und neue Leute eingestellt. Mittlerweile gibt es Connexx-Verantwortliche an den Medienstandorten Berlin, Hamburg, Köln und München. Außerdem bietet Connexx auf einer Homepage zahlreiche rechtliche und soziale Tips und Informationen an. Von A wie Arbeitszeitregelung bis Z wie Zweitverwertung, wird auf alle Fragen eingegangen, die Mitarbeiter im Medienbereich interessieren könnten. Natürlich kann man bei Interesse jederzeit der Gewerkschaft beitreten - online versteht sich.

Doch gerade wegen seines herausragenden Serviceteils ist das Projekts gewerkschaftsintern nicht unumstritten. Während einige schon von der »Gewerkschaft der Zukunft« träumen, befürchten andere, daß durch Connexx die Gewerkschaft noch mehr zu einem Dienstleistungsunternehmen wird. Gerade die Vertreter der klassischen Arbeiterbranchen tun sich schwer mit der neuen Klientel, die so gar nicht in das alte Schema passen will. Es gibt auch Kritiker, die einen zu geringen Ertrag des Projekts bemängeln. Dem halten Connexx-Befürworter entgegen, daß die Gelder, die dafür ausgegeben wurden, bisher im gesamtgewerkschaftlichen Rahmen minimal seien.

Maike Jäger sieht in Connexx ein Instrument, um neue Mitglieder zu gewinnen. Doch die Inhalte würden davon nicht verändert werden. »Zentrales Ziel der Gewerkschaften muß es auch weiterhin sein, die Entstehung sozialer Beziehungen und die Entwicklung von Solidarität zu unterstützen.«

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