Neues Deutschland 01.12.01Universität ohne Vergangenheit?
Debatte über »Generalplan Ost« und die Wissenschaft in Berlin

Von Peter Nowak

Im Jahre 2002 jährt sich zum 60. Mal eine der dunkelsten Seite deutscher
Wissenschaftsgeschichte. Am 28. Mai 1942 stellte das Institut für Agrarwesen und
Agrarpolitik den »Generalplan Ost« fertig, der den planmäßigen Hungertod von
30 bis 50 Millionen osteuropäischen Menschen wissenschaftlich vorbereitete.
Die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) war Hauptfinanzier bei der
Ausarbeitung des mörderischen Plans. Seit mehr als zehn Jahren kämpft eine
studentische Initiative darum, dass sich die Berliner Agrarfakultät mit diesem Teil der
deutschen Wissenschaftsgeschichte auseinandersetzt. Ihr Sprecher ist der
Argaringenieur Matthias Burchard, der den Präsidenten der Humboldt-Universität
Jürgen Mlynek sogar in einem Offenen Brief, der im »Neuen Deutschland« als
Anzeige abgedruckt war, zur öffentlichen Stellungnahme aufforderte.Doch die
Universitätsgremien ignorierten den Brief.
So verirrten sich vor Wochenfrist auch nur wenige Zuhörer in den Hörsaal der
Freien Universität, als die Frage diskutiert werden sollte, ob das
Eingeständnis der Mitarbeit Berliner Wissenshaftler am »Generalplan Ost« einen
Reputationsverlust oder einen Gewinn staatsbürgerlicher Glaubwürdigkeit für die
Wissenschaft bedeuten würde. Das ehemalige Mitglied der DDR-Akademie der
Wissenschaften, Dietrich Eichholtz, bezeichnet den »Generalplan Ost« als Teil der
NS-Vernichtungspolitik und skizzierte die ökonomischen Interessen einer
Deindustrialisierung Osteuropas. Sein Kollege, der Wirtschaftshistoriker Thomas
Kuczynski, setzte sich mit der Frage auseinander, wieso sich gerade scheinbar
unpolitische Wissenschaftler so reibungslos in das Naziregime eingegliedert
hatten. Der Westberliner Publizist Reinhard Strecker berichtete über das
politische Klima im Berlin der 50er und frühen 60er Jahre, als auf fast allen
wichtigen Posten auch im Wissenschaftsbetrieb ehemalige Nazis saßen. Die
68er-Bewegung habe einiges verändert. Doch wohl nicht allzu viel, wie sich gerade an den
jahrelangen Auseinandersetzungen um eine Stellungnahme der
Universitätsgremien zum »Generalplan Ost« zeigt.
Für die studentische Initiative skizzierte Matthias Burchard die Etappen
dieser Auseinandersetzung, die 1992 begann, als nach der Neuordnung der Berliner
Wissenschaft die drei großen Fachbereiche Agrar- und Gartenbauwissenschaft,
Veterinärmedizin und Lebensmitteltechnologie der Berliner
Humboldt-Universität zugewiesen worden war. Damals warb die Initiative »angesichts der Dahlemer
wissenschaftlichen Genozidplanung 1940-1944 um Vorsicht und Selbstkritik im
Rahmen der Ost-West-Fusion«. In einem studentischen Antrag von 1992 mit dem
programmatischen Titel »Aufklärung erwünscht« wurde der Fachbereich
aufgefordert, sich mit historischen Ortsbegehungen, Zeitzeugenberichten und dem
Anbringen einer Gedenktafel an der Aufarbeitung der Vergangenheit zu beteiligen.
Seitdem gab es ca. 30 Mahnwachen, eine Reihe gut recherchierte
Informationsblätter, eine Sondernummer der Studentenzeitung »Huch« zum Thema sowie zahlreiche
Eingaben mit konkreten Vorschlägen. Die Universitätsleitung verhielt sich
stets reserviert bis offen ablehnend.

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