taz vom 18.10.2001Beutekunst aus der geschlossenen Abteilung
Mit der Eröffnung der "Sammlung Prinzhorn" auf dem Gelände der
Universitätsklinik Heidelberg geht der Streit um den Standort weiter. Eine Initiative von
Psychiatrieerfahrenen in Berlin-Brandenburg will die Exponate am liebsten in
eine Gedenkstätte für die Euthanasieopfer der Nazizeit eingliedern
von PETER NOWAK

Anscheinend zufrieden blickt die Frau mittleren Alters in die Kamera. Mit
den Händen stützt sie eine überlebensgroße, mit Stroh gefüllte Puppe, die
deutlich erkennbar ein männliches Geschlechtsteil trägt und die sie gerade fertig
gestellt hat. Doch die Idylle täuscht. Die Künstlerin Katharina Deitzel war
Insassin einer psychiatrischen Klinik und wurde unter den Nazis Opfer der
Euthanasiemorde. Schon Jahre vorher wollte sie mit Selbstmorddrohungen ihre
Verlegung aus der Isolierzelle erreichen. Vergeblich, die Anstaltsleitung ersetzte
lediglich die Matratze in ihrem Bunker durch Stroh.

Das Schicksal der bisher unbekannten Patientin wurde so gründlich erforscht,
weil Deitzels Foto samt der von ihr geschaffenen Puppe seit Anfang September
an zentraler Stelle in einem Pavillon auf dem Gelände der Heidelberger
Universitätsklinik präsentiert wird. Es gehört zu den mehr als 5.000 Bildern,
Skulpturen und Texten, die der Psychiater Hans Prinzhorn zwischen 1919 und 1921
gesammelt hatte. In den 20er-Jahren wurden die Exponate in Künstlerkreisen als
Sensation gefeiert. Maler wie Max Ernst, Picasso und Breton suchten in den
Werken der angeblich Wahnsinnigen jene Ursprünglichkeit, die sie in der realen
Welt vermissten. "Es gibt Bilder, die sollte man ernster nehmen als alle
Pinakotheken", erklärte der Maler Paul Klee, nachdem er einige der Exponate
gesehen hatte.

Doch das Interesse an den Bildern der Psychiatrisierten währte nur kurz. Von
vielen der 435 KünstlerpatientInnen aus deutschen, österreichischen und
Schweizer Kliniken sind nicht einmal mehr die Namen bekannt. 16 Künstler sind
nachweislich Opfer der Euthanasiemorde unter den Nazis geworden. Auch in den
Nachkriegsjahren interessierte sich lange Zeit niemand für die Sammlung. Erst
Ende der 60er-Jahre wurden einzelne Kunstwerke in kleineren Ausstellungen
öffentlich präsentiert. Seit den 70er-Jahren bemühten sich junge HistorikerInnen
und MedizinerInnen um eine angemessene Präsentation der Kunstwerke. Ihr
Engagement scheint sich nun gelohnt zu haben: Im September wurde die "Sammlung
Prinzhorn" mit einem großen Begleitprogramm und wissenschaftlichen Kolloquien in
Heidelberg eröffnet.

Doch was wie eine späte Erfolgsgeschichte aussieht, rief auch KritikerInnen
auf den Plan. Die Antifaschistische Initiative Heidelberg sprach in einer
Presseerklärung von einer "Verhöhnung der Opfer" durch die Präsentation in
Heidelberg. Der Landesverband der Psychiatrieerfahrenen Berlin-Brandenburg
wiederum will die Prinzhornsammlung in eine noch zu errichtende Gedenkstätte für die
Euthanasieopfer in der Nazizeit eingliedern. Sie soll nach ihren Plänen im
Zentrum Berlins in der Tiergartenstraße 4 entstehen, wo die Nazis die auch als
T4-Aktion bekannten Euthanasiemorde vorbereiteten.

Hinter dem Streit um den Standort verbinden sich auch unterschiedliche
Ausstellungskonzepte. Während die Historikerin Bettina Brand-Claussen, die im
Auftrag der Universität über die Prinzhornsammlung forscht, dem Namensgeber "eine
erfolgreiche Sammeltätigkeit und eine erste, noch heute beachtete
Bearbeitung der Werke" bescheinigt, ist der Arzt für den Sprecher der
Psychiatrieerfahrenen, René Talbot, kein Vorbild. "Was Prinzhorn bekannt gemacht hat, ist die
Plünderung der künstlerischen Werke psychiatrisierter Menschen für die
Gründung eines psychopathologischen Museums. Dabei raubte er ihnen das Letzte, was
ihnen als Urhebern gehörte, ihre künstlerischen Werke." Zudem habe sich
Prinzhorn in den letzten Jahren seines Lebens durch Hitler-freundliche und
antisemitische Schriften als Namensgeber der Ausstellung diskreditiert, so Talbot.
Auch die Frage der Eigentumsrechte bleibt unter den KontrahentInnen
umstritten. Nach der Lesart des Betroffenenverbandes wurden die Kunstwerke den
PatientInnen größtenteils ohne ihr Einverständnis abgenommen. Sie sollten daher den
wahren Eigentümern oder ihren Erben zurückgegeben werden. Die Klinikleitung
hingegen betrachtet die Exponate als Teil der PatientInnendatei, an der sie die
Eigentumsrechte habe. Der Kunstcharakter der Exponate habe außerhalb der
zeitgenössischen Vorstellungen gestanden.

Doch die plakative Parole der GegnerInnen des Standorts Heidelberg "Keine
Beutekunst im Hörsaal der Mörder" weist auf eines der dunkelsten Kapitel in der
Geschichte der Heidelberger Klinik hin. Schließlich war sie in der Nazizeit
die Wirkungsstätte des Neurologen und Psychiaters Karl Schneider. Der Leiter
des "Rassenpolitischen Amtes" war Hauptorganisator des Euthanasieprogramms.
Er war auch dafür verantwortlich, dass einige Exponate der Prinzhornsammlung
im Rahmen der berüchtigten Naziausstellung "Entartete Kunst" gezeigt wurden,
mit der gemäß der Naziideologie moderne Kunst als Werk Wahnsinniger und
Geisteskranker denunziert werden sollte. Gehörte der Ausstellungspavillon der
Prinzhornsammlung zu Schneiders Hörsälen, wie die Psychiatrieerfahrenen an Hand
alter Vorlesungsverzeichnisse belegen wollen? Oder gehörte der Raum damals noch
zum Bereich der Inneren Medizin, wie Bettina Brandt-Claussen nachgewiesen
haben will?

Die Kontroverse um den Standort der Prinzhornsammlung hat sich so zu einer
verspäteten Auseinandersetzung um die Vergangenheitsbewältigung an der
Heidelberger Universität entwickelt. Zumal mehrere enge Mitarbeiter von Schneider,
der 1945 Selbstmord verübte, ihre Medizinerkarriere in der Neckarstadt
fortsetzten. Dabei hoffte die Heidelberger Universität, mit der Errichtung eines
Gedenksteins für die Opfer der Euthanasiemorde vor einigen Jahren einen
Schlussstrich unter dieses Kapitel ziehen zu können. Ein Kompromiss zwischen den
beiden Kontrahenten dürfte indes gar nicht so schwer zu finden sein: Da nur ein
Bruchteil der Exponate in dem Heidelberger Pavillon Platz findet, könnte
mühelos eine weitere Ausstellung in Berlin mit Kunstwerken aus der
Prinzhornsammlung bestückt werden.


Die Ausstellung ist im Museum Prinzhorn auf dem Gelände der
Universitätsklinik Heidelberg, Voßstraße 2, zu besichtigen. Öffnungszeiten: Di., Do. 11 bis
17 Uhr, Mi. 11 bis 20 Uhr

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