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junge Welt07.07.2001 Gasangriff auf Gefangene Berlin: Protest gegen Isolationshaft vor dem türkischen Konsulat _________________________________________________________________
In der Türkei sorgte der Bericht der linksliberalen Zeitung Radikal für Furore. Sie veröffentlichte kürzlich einen gerichtsmedizinischen Untersuchungsbericht, der nachwies, daß ein Großteil der politischen Gefangenen, die Ende Dezember beim Sturm des Militärs auf die Gefängnisse gestorben sind, durch das vom Militär versprühte Gas, das offenbar auch brennbar war, umkamen. Diese von staatlichen Stellen bisher heftig bestrittene Version hatten Aussagen überlebender Gefangener von Anfang an belegt.
Der Widerstand der Gefangenen konnte bis heute nicht gebrochen werden. Auch über sechs Monate nach dem Sturm auf die Gefängnisse, der 26 Gefangene das Leben kostete, befinden sich weiterhin über 500 Gefangene im sogenannten Todesfasten. Sie fordern die Schließung der im Aufbau befindlichen neuen Isolationszellen. Aus Solidarität mit ihnen organisierte das »Veranstaltungskomitee zur Unterstützung der politischen Gefangenen in der Türkei« einen Aktionstag in Berlin. Begonnen hat die Aktion mit einer Demonstration am Freitag um 17 Uhr zum türkischen Konsulat in der Rungestraße 9. Dort sollte gegen 19 Uhr eine 24-Stunden-Multi-Media-Show beginnen, die am heutigen Samstag um 19 Uhr endet. Dort werden Filme gezeigt, es gibt Redebeiträge, Musikeinlagen und am Samstag ab 9 Uhr ein Aktionsfrühstück. Zu den Forderungen der Aktion gehört neben der Aufhebung der Isolationshaft ein sofortiger Stopp der Folter sowie freier Zugang von Ärzten, Rechtsanwälten und Journalisten des Vertrauens zu den Gefangenen. »Alle, die sich mit den Forderungen der Gefangenen solidarisch erklären, können vor der Botschaft ihre eigenen Beiträge leisten«, erklärte Mori Keskin vom Veranstaltungskomitee. Sie beklagt allerdings ein weitgehendes Desinteresse der Linken an der Situation der Gefangenen in der Türkei. Auch das soll durch diese Aktion verändert werden.
Im Veranstaltungskomitee haben sich verschiedene Gruppen und Einzelpersonen aus Berlin zusammengeschlossen, die in den letzten Monaten immer wieder auf die Situation der todesfastenden Gefangenen in der Türkei aufmerksam machten. Die türkische Menschenrechtlerin Eren Keskin wurde eingeladen.
Innerhalb weniger Wochen hatten Aktivisten des Veranstaltungskomitees zudem gut 7 000 Unterstützungsunterschriften für die Gefangenen gesammelt. Allerdings mußten die per Boten nach Istanbul geschickt werden, weil die türkische Botschaft in Berlin die Annahme strikt verweigerte. Trotzdem sieht Keskin zu den Aktionen keine Alternative: »Sie zeigen den Angehörigen und Gefangenen in der Türkei, daß es weltweit Menschen gibt, die sich für ihre Belange einsetzen«. Mit der 24-Stunden- Multi-Media-Show sollen andere Gruppen zu eigenen Solidaritätsaktionen angeregt werden, so die Hoffnung von Keskin.
Unter dem Motto »Keinen Urlaub im Massakerland Türkei« rufen verschiedene türkische Exil- und Menschenrechtsorganisationen dazu auf, nicht mehr als Tourist in das Land am Bosporus zu reisen. Mit Flugblättern und Plakaten wird für den Tourismusboykott bundesweit geworben.
Peter Nowak |