jungen Welt vom 16.11.2001.Kanzler-Rausschmiß: Wie morsch ist die deutsche Eiche?
jW sprach mit Sylvia Zeller, Mitglied der »Futuristen in der SPD«
Interview: Peter Nowak

F: Die Futuristen in der SPD fordern den Parteiausschluß von Bundeskanzler Schröder. Ein verspäteter Aprilscherz?

Nein, denn im April war noch nicht abzusehen, zu welch rechtsradikalen Äußerungen sich Herr Schröder hinreißen läßt. Daß wir uns an die Öffentlichkeit wenden, ist sicherlich ein Akt der Verzweiflung, weil die innerparteiliche Meinungsbildung durch den Verweis, die Regierungsfähigkeit könne gefährdet werden, völlig blockiert ist. Es ist in der SPD eine Bunkermentalität eingekehrt, die in Schröders Forderung nach Enttabuisierung des Militärischen gipfelt.

F: Wer verbirgt sich hinter dem Namen »Futuristen in der SPD«?

Die Futuristen in der SPD sind seit 1998 ein Teil der Berliner SPD, der sich bei seiner Gründung mit drei Seiten im Vorwärts bundesweit vorgestellt hat. Das ist im Internet unter www.futuristen.de nachzulesen. Inhaltlich könnte man sagen, daß Lafargue und Foucault uns nahe sind. Dabei sind wir radikale Sozialdemokraten, die, ohne das Eigentum an Produktionsmitteln in Frage zu stellen - was nur gewaltsam ginge -, trotzdem die gesellschaftlichen Verhältnisse sogar noch weitgehender transformieren wollen. Z. B. ist »das Recht auf Faulheit« viel subversiver als jede Planökonomie. Wir sind zwar keine prinzipiellen Pazifisten, aber entschiedene Antimilitaristen.

F: Wie kommt es, daß Sie überhaupt noch Hoffnungen in die SPD setzen?

Hoffnung haben wir erst wieder auf eine SPD nach dem Schröder-Rausch. Allerdings plädieren wir schon seit 1999 für eine gütliche Trennung in SPD-M, wie mediokre Mitte, und SPD-L, die zusammen mit den zu integrierenden nichtkommunistischen Teilen der PDS und tatsächlich friedlichen Grünen heute schon auf über zehn Prozent der Wählerstimmen käme.

F: Welche Reaktionen gab es bisher auf Ihre Forderung?

Sämtliche Bundestagsabgeordnete der SPD, PDS und Grünen wurden persönlich benachrichtigt, und MdB Johannes Kahrs hat bisher als einziger geantwortet: »Was schert es eine deutsche Eiche, wenn sich eine Wildsau daran scheuert?« Wir haben ihm geantwortet: »Kommt nur darauf an, wie morsch sie ist!«

F: Wie wollen Sie reagieren, wenn sie einfach ignoriert wird?

Auch wenn es keine unmittelbare Reaktion geben sollte, sind wir sicher, daß es die Zweifler am derzeitigen Kurs der Regierung Schröder ermutigt, den Mund aufzumachen. Da unsere Argumente zutreffen, werden sie auch ihre Wirkung entfalten.

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