ND vom 6.10.01»Ich setze auf eine neue Friedensbewegung«
Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung zu Ursachen und Folgen des
Terrorismus gegen die USA
ND: Nach den Anschlägen am 11. September scheint alles auf einen Krieg der
USA und der NATO gegen Afghanistan hinauszulaufen. Hat die Friedensforschung
in einer solchen Situation versagt?

Das wäre eine völlig falsche Einschätzung. Die Friedensforschung hat in den
letzten Jahren große Erfolge erzielt und ist in vielen Ländern der Welt sehr
aktiv. Wenn eine Epidemie ausbricht, sagt auch niemand, dass die Medizin
versagt hat, sondern dass sie besser angewendet werden muss. Versagt haben die
Regierungen des Westens mit ihrer unterdrückerischen Politik gegen arabische,
lateinamerikanische und südostasiatische Länder.

ND: Sie sehen demnach einen Zusammenhang zwischen der US-amerikanischen
Außenpolitik und den Anschlägen?

Eindeutig. Wichtiger als zu fragen, wer für den Anschlag verantwortlich ist,
ist die Frage, warum er geschah. Was hier geschehen ist, kann als eine
Etappe des Klassenkampfes bezeichnet werden. In vielen Ländern der Welt werden die
USA nicht ohne Grund mit ökonomischer und militärischer Unterdrückung
identifiziert.

ND: Mehr als drei Wochen sind schon vergangen und der erwartete
USA-Militärschlag ist ausgeblieben. Jetzt ist eine begrenzte Aktion gegen Afghanistan im
Gespräch. Besteht also Grund zur Entwarnung?

Die Gefahr einer Militäraktion besteht weiterhin. Besonders gefährlich wird
die Situation, wenn die Maßnahme von der Bevölkerung in den arabischen
Staaten als Krieg gegen den Islam interpretiert wird. Dann droht ein Jihad, ein
heiliger Krieg, der bisher erst dreimal in der Geschichte ausgerufen wurde. Rund
1,2 Milliarden Moslems wären bereit, ihr Leben im Kampf gegen die Länder zu
opfern, die ihrer Meinung nach den Islam angreifen. Eine solche Situation
muss unter allen Umständen verhindert werden. Das weiß auch die US-amerikanische
Regierung. Deshalb redet Präsident Bush ständig vom Kreuzzug und besucht
gleichzeitig jeden Tag eine Moschee in seinem Land.

ND: Nun schmiedet die USA ein großes Bündnis gegen den Terrorismus. Woher
kommt die große Bereitschaft vieler Länder, sich daran zu beteiligen?

Viele Länder haben weniger Angst vor der Politik der USA als davor, dass
immer mehr Arme aus der so genannten Dritten Welt in den reichen Norden kommen
könnten. Diese Angst schmiedet die Staaten des Nordens zusammen.

ND: Heißt Verzicht auf einen Militärschlag für Sie denn, dass die
Verantwortlichen für die Terroranschläge straffrei ausgehen sollen?

Keineswegs. Nur braucht es dafür keinen Militärschlag, der Unbeteiligte
tötet. Es genügt eine Polizeiaktion, die an eng begrenzte Befugnisse gekoppelt
ist. Zunächst müsste ein weltweit anerkannter Gerichtshof über deren Einsatz
entscheiden. Diese Aufgabe könnte der Internationale Gerichtshof in Den Haag
übernehmen. Dort müssten auch die vorliegenden Beweise gegen die mutmaßlichen
Terroristen geprüft werden. Wenn sie ausreichen, kann eine Polizeiaktion
gestartet werden. Nach ihrer Festnahme müssen die Beschuldigten vor einem
internationalen Gerichtshof ein rechtsstaatliches Verfahren erhalten: Verurteilung im
Falle eines Schuldspruchs, Freispruch, wenn die Beweise nicht ausreichen.

ND: Wie ist in der Praxis eine von Ihnen befürwortete Polizeiaktion von
einem Militärschlag abzugrenzen?

Eine Polizeiaktion ist punktuell und hat eine klare, eng begrenzte
Zielsetzung. Eine Militäraktion wäre brutal und brächte vielen Unbeteiligten Tod und
Verderben. Eine solche Maßnahme würde die daran beteiligten Staaten auf die
gleiche Ebene wie die Verantwortlichen der Attentate stellen. Damit wird nur
neuer Hass gesät und die Gewaltspirale dreht sich weiter.

ND: Müsste nicht die ungerechte Weltwirtschaftsordnung verändert werden, um
die Ursachen für solche Anschläge wirklich zu beseitigen?

Das ist in der Tat ein zentrales Problem. Tatsächlich sind die reichen
Länder, die am meisten Geld für das Militär ausgeben, auch diejenigen, die bei der
Entwicklungshilfe das Schlusslicht bilden. Aber ich bin realistisch: Ich
weiß, dass Kapitalismus und Imperialismus in absehbarer Zeit nicht abgeschafft
werden. Doch es gibt Zwischenschritte. In den so genannten
globalisierungsfreien Zonen, in den besonders armen Regionen Afrikas, in Teilen Asiens und
Lateinamerikas müsste es regionale Bündnisse gegen die Zwangsmonetarisierung und
zur Wiedereinführung der ursprünglichen Ökonomie geben. Damit würde zwar kein
Reichtum geschaffen, aber die Menschen hätten ihr Auskommen und ihre Würde.

ND: Zweifeln Sie in diesen Tagen, in denen die Kriegsrhetorik auf Hochtouren
läuft, nicht manchmal daran, dass Ihre Vorstellungen überhaupt Gehör finden?

Mich macht optimistisch, dass sich in fast allen Staaten eine große Mehrheit
der Bevölkerung gegen einen Militärschlag der USA ausgesprochen hat. Die
beiden Ausnahmen waren die USA und Israel. Ich setzte nicht auf die Regierungen
der europäischen Länder, die werden der USA-Regierung bedingungslos folgen.
Ich setzte auf die Bevölkerung und auf das Entstehen einer neuen unabhängigen
Antikriegsbewegung.

Fragen: Peter Nowak

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