TAZ vom 1.2.01 Forschungsreaktors München(FRM II)

Eigentlich wollte Rot-Grün den Münchener Reaktor
auf niedrigangereichertes Uran abrüsten. Doch daran erinnert
sich dasBundesforschungsministerium nur ungern

BERLIN taz Zwischen den Grünen und der SPD bahnt sich
ein neuer Konflikt in der Atompolitik an. Diesmal
geht es um den
fast vollendeten Neubau des Forschungsreaktors München
(FRM II). Eigentlich wollte die rot-grüne Regierung
ihn von hoch
auf niedrig angereichertes Uran umrüsten lassen.
Doch jetzt rückt
das Bundesforschungsministerium von dieser Linie ab.

"Der Einsatz von waffenfähigem Uran in
Forschungsreaktoren ist
hoch problematisch und außenpolitisch bedenklich",
heißt es im
rot-grünen Koalitionsvertrag. "Deshalb wird die
Regierung
überprüfen, ob Möglichkeiten einer Umrüstung des
Forschungsreaktors München II bestehen". Eine
Expertenkommission ist mittlerweile zu dem Ergebnis
gekommen, dass diese Umrüstung tatsächlich möglich
ist. Die
bayerische Regierung, die sich auf ihre
Eigentumsrechte an dem
Reaktor beruft, läuft dagegen Sturm. Und im
Forschungsministerium will man nun einen Kompromiss
finden.
"Der Reaktor ist Eigentum Bayerns. Wir können ja
nicht ein
Land beliebig anweisen", erklärt Staatssekretär
Wolf-Michael
Catenhusen.

Der Koalitionspartner ist irritiert. "Mit den
Grünen waren
Catenhusens Erklärungen nicht abgesprochen", erklärte
Hans-Josef Fell, forschungspolitischer Sprecher der
Grünen-Fraktion. Er besteht weiter auf der
Umrüstung des
Reaktors. "In der SPD gibt es dazu unterschiedliche
Stimmen.
Doch zumindest die bayerische SPD teilt unsere
Position."

Der Streit um Garching ist alt. Die ältere Version
des wegen
seiner Hülle so genannten Atomeis war im
vergangenen Sommer
abgerissen worden. Doch über die Erteilung der 3.
Teilerrichtungsgenehmigung für die moderne Variante
wird
zurzeit zwischen Berlin und München verhandelt. Der
von
Siemens und der Münchner Universität gebaute
Reaktor wird
von der Bayerischen Staatsregierung als
Forschungsprojekt mit
großem medizinischen Nutzen und ohne Gefahren für
die Umwelt
bezeichnet. Doch die Sprecherin der Initiative
"Bürger gegen
Atomreaktor Garching" Gina Gillig fürchtet, dass
"vor den Toren
Münchens ein atomares Zwischenlager entsteht." Bei
einem
unverbindlichen Bürgerbegehren sprach sich mehr als
die Hälfte
der Garchinger Bevölkerung gegen den FRM II aus.

Auch in den USA ist man besorgt. Denn mit dem Bau
würde
erstmals seit zwei Jahrzehnten wieder ein Reaktor
in Betrieb
genommen, der mit hoch angereichertem Uran
beschickt wird,
das sich auch zum Bau von Atombomben eignet.

PETER NOWAK

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