jungen Welt vom 19.12.2001Medien und moderne Kriege                                                                                                               Ein Thema für die Kunst?
jW sprach mit dem Filmemacher Harun Farocki. Sein neuester Kurzfilm »Auge/Maschine« beschäftigt sich mit der seit dem zweiten Golfkrieg forcierten Entwicklung intelligenter Waffen und den Veränderungen für die Kriegsteilnehmer. Die Arbeit ist bis 13. Januar 2002 begleitend zur Wehrmachtsausstellung in Berlin-Mitte (Auguststr. 69), zu sehen
Interview: Peter Nowak

F: Welche Auswirkungen hat die spätestens seit dem Golfkrieg veränderte Rolle der Medien auf die Darstellung von Kriegen in den angreifenden Staaten?

Im Golfkrieg haben wir zum ersten Mal operative Bilder gesehen, die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Sie waren anders als alles, was wir an Propaganda kannten. Es gab keine Farbe, keine Musik, es gab kaum den üblichen Soldatenkitsch. Dennoch sind auch diese operativen Bilder Propaganda. Der Anschein soll erweckt werden, die Projektile träfen stets und träfen das feststehende Ziel. Die Projektile treffen immer besser, aber keineswegs immer - und im Irak wurden sehr viele Menschen getötet. Auch Saddam Hussein war es recht, daß die wahrscheinlich mehreren hunderttausend Toten gar nicht erschienen. Außerdem sind »smart bombs« eine Reklame für den nächsten Rationalisierungsschub, für die Flexibilisierung der zivilen Produktion. Die Bilder zeigen nachdrücklich die Überlegenheit der - früher hätte man gesagt: der Industriestaaten. Diese Bezeichnung trifft nicht ganz, denn es geht um Industrie plus Informatik.

F: Ihr Kurzfilm läuft im gleichen Gebäude wie die Wehrmachtsausstellung. Besteht ein inhaltlicher Zusammenhang?

Die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht erinnert daran, daß es eine persönliche Verantwortung gibt. Wir werden von »Entwicklungen« bestimmt, allgemeine Anschauungen prägen sich aus, aber wir müssen uns immer wieder daran erinnern, daß wir eine persönliche Verantwortung für das tragen, was wir tun oder nicht tun.

Ihre Arbeit war vor dem aktuellen Krieg in Afghanistan abgeschlossen. Die Diskussion bei der Eröffnung drehte sich darum. Beeinflußt die Aktualität die Sichtweise auf Ihre Arbeit?

Die USA führen den Krieg in Afghanistan wie einen Kolonialkrieg. Es gibt Flächenbombardements, kaum Berichterstattung und eine nur sehr allgemeine Legitimierung. Für universelle Werte kann man so kaum kämpfen.

F: Würden Sie den Film »Auge/Maschine« über die Wirkungsweise des Krieges gleichzeitig auch als Arbeit gegen diesen aktuellen Krieg bezeichnen?

Von Barbara Ehrenreich, die ein großartiges Buch mit dem Titel »Blutrituale« über den Krieg geschrieben hat, lernen wir, daß man den Krieg auf allen Ebenen bekämpfen muß. Auch im Dialog mit den Militärs oder mit der technischen Intelligenz, die Waffen entwickelt. Wohin entwickelt sich der Krieg? Das ist die Frage, die ich mit meinen Arbeiten stellen will.

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