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junge Welt vom 29.09.01»Die Typen sind weggezogen« Wem gehört Berlin?Der Helmholtzplatz soll von der Ostbronx zum zweiten Kollwitzplatz werden.
Nur auf den ersten Blick war es ein ganz normaler Sommertag am Helmholtzplatz im Norden des Berliner Stadtteils Prenzlauer Berg. Zahlreiche gutgelaunte Menschen hatten es sich Ende Juli auf der Wiese bequemgemacht. Auf einem kleinen Grill bruzzelten Bratwürste. Bier floß reichlich und gratis. Doch bald machten zahlreiche Uniformierte dem lustigen Treiben ein Ende. Immer mehr Polizisten rückten mit Feuerlöschern und Spaten dem Grill zu Leibe. Die Feiernden formierten sich zu einem Demonstrationszug, der mit »Würstchen für alle« und »Ich bin Trinker, und das ist auch gut so« zweimal um den Helmholtzplatz zog.
Diese Spaßaktion gegen die sogenannte Yuppiesierung hatte einen ernsten Hintergrund. Wenige Tage später wurde der »neue Helmholtzplatz« mit Prominenz aus der Bezirkspolitik eingeweiht. Jahrelang geisterte dieser Platz als »Ostbronx« durch die Boulevardpresse. Punks, Hunde, Alkohol und Drogen waren die Attribute, mit denen dem braven Bürger das Gruseln gelehrt werden sollte.
»Schon vor 1989 zog es die schrägen Vögel ins LSD-Viertel«, erzählt Joseph. Der Mann mit dem langen Bart meint das als Kompliment. Er braucht gar nicht zu betonen, daß er schon mehr als 25 Jahre im »Helmholtzkiez« lebt. LSD-Viertel wurde das Areal schon vor 1989 genannt, weil dort die Lychener-, Schliemann- und Dunckerstraße den Platz kreuzen. »Mich bekommt hier niemand weg«, setzt er gleich hinzu. Schließlich ist das Gebiet um den Helmholtzplatz ein großer Sanierungsraum. Doch es sind nicht nur die Häuser, die erneuert werden. In jedes rekonstruierte Gebäude ziehen neue Mieter ein. Für viele der ursprünglichen Bewohner, Rentner, Künstler, Menschen mit geringem Einkommen, sind die Mieten in den sanierten Wohnungen unerschwinglich geworden. »Die Typen sind schon weggezogen«, klagt Joseph mit Wehmut in der Stimme. Er ist nicht der einzige, der das bedauert.
Ein Aktivist der »Betroffenenvertretung Helmholtzplatz« benennt die Folgen des Bevölkerungsaustauschs. »Wer für seine Wohnung eine hohe Miete zahlt, verlangt auch eine bestimmte Infrastruktur.« Die Kneipen aus der Nachwendezeit genügten mit ihrem Wohnzimmerflair den Ansprüchen der Neuzugezogenen nicht. Immer mehr modern gestylte Restaurants, Cafés und Bars eröffneten rund um den Platz. »Die haben natürlich auch ein Interesse, daß die Leute ihr Bier trinken. Aber eins für fünf DM bei ihnen und nicht ein Dosenbier auf einer Parkbank«, so ein Anwohner. So war es nur eine Frage der Zeit, bis sich Vertreter aus Politik und Wirtschaft der Neugestaltung des Platzes widmeten. Aus der einst berüchtigten Ostbronx sollte ein zweiter Kollwitzplatz werden. Doch auch Menschen aus dem Umfeld der Betroffenenvertretung hatten sich schon länger Gedanken über eine Platzsanierung gemacht und gleich selbst Hand angelegt. Da, wo die alten Toilettenhäuschen standen, wurde in Eigeninitiative ein Platzhaus gebaut.
»Unser Konzept ist ein Haus für alle auf einem Platz für alle«, erklärt Sonja Kemnitz. Die Frau mit der interessanten Biographie ist der Motor des Projekts. In der DDR war sie Wissenschaftlerin, in der Wendezeit Narva-Betriebsrätin, später arbeitete sie für die Obdachlosenzeitung motz. In der letzten Zeit werde das Konzept eines Hauses für alle zunehmend angenommen, meint sie. Die Zahl der Besucher steige, eine Freilufttheateraufführung auf dem Platz fand vor einigen Wochen großen Zuspruch, und das Haus wurde auch schon mal für eine Hochzeitsfeier vermietet.
Dabei übte noch vor der Platzeröffnung die Bezirksstadträtin für Gesundheit, Umwelt und Natur, Ines Saager (CDU), heftige Kritik am Platzhauskonzept. Den Betreibern warf sie zu starke Nähe zur »Platzszene« vor. Das machte sie unter anderem an einem Titelblatt der vom Platzhaus herausgegebenen Kiezzeitung Helm und Holtz und einer Fotoausstellung fest, in der vor allem Bilder von sozial benachteiligten Menschen zu sehen waren – ein Eindruck, der optisch dominierte. Aber das ist das mit einem Zaun begrenzte Areal der Spielplätze und Sportanlagen, auf denen sich hauptsächlich junge Familien mit ihren Kindern aufhalten. Eine kleinere Fläche um das Platzhaus ist zum Domizil einer bunten Mischung von Hip-Hoppern, Skatern, älteren Männern mit Bierdosen und Punks mit ihren Hunden geworden. Doch das Bild einer friedlichen Koexistenz täuscht, wie langjährige Bewohner meinen. Zwar seien die ständigen Polizeikontrollen zurückgegangen, mit denen unmittelbar vor der Einweihung des sanierten Platzes die unerwünschte Klientel vertrieben werden sollte. Aber heute sind die Kontrollen selektiver. Besonders ausländische Jugendliche werden schon nach wenigen Minuten angesprochen, wenn sie den Platz betreten. Das Klischee »ausländische Jugendliche gleich Drogendealer« hat sich nicht nur in den Köpfen der braven Bürger festgesetzt. »Wir sind aus dem Kiez«, wird auch von den »Trinkern« ständig betont. Ein Erfolg sozialarbeiterischer Befriedungsstrategie, meinen Kritiker. Da wird nämlich zwischen dem »Trinker aus dem Kiez«, der geduldet wird, wenn er sich an die Regeln hält, und dem »auswärtigen Punk oder Chaoten«, unterschieden, der im Zweifelsfall aus Kreuzberg kommt. Auch das Platzhaus lasse sich in diese Strategie einbinden, monieren die Kritiker. »Da heißt ein Haus für alle – erst einmal für alle anderen.« Umworben würden die sogenannten Normalbürger. Damit sie nicht verschreckt werden, muß die »Platzszene« ruhiggestellt werden. Eine kleine dekorative Szene kann sogar zur Platzaufwertung beitragen. Schließlich werben Makler für die sanierten Wohnungen im Umkreis des Helmholtzplatzes mit dem Slogan »Wohnen am aufregendsten Platz der Stadt«.
Von Peter Nowak |