junge Welt02.01.2001
Freiheit nach jahrelanger U-Haft
Christel Fröhlich saß auf Grund dubioser MfS-Akten fünf Jahre in
französischem Gefängnis. Entlassen nach neuem Gesetz
_________________________________________________________________

Kurz vor Silvester kam für die Hannoveraner Lehrerin Christel Fröhlich
doch noch die lang ersehnte Freiheit. Nach über fünfjähriger Haft
wurde die 58jährige aus dem Pariser Untersuchungsgefängnis entlassen.
Am 28. Oktober 1995 war die seit Jahren in Hannover lebende und
arbeitende Frau auf Ersuchen der französischen Justizbehörden in Rom
festgenommen worden. Sie hatte dort ihren Mann im Gefängnis besucht,
der als Mitglied der Roten Brigaden zu lebenslänglicher Haft
verurteilt worden ist. Die französische Justiz warf Fröhlich damals
vor, sich Anfang der 80er Jahre gemeinsam mit dem unter dem Tarnnamen
Carlos bekannten Venezolaner an Attentaten beteiligt zu haben. Als
Quelle wurden MFS-Akten genannt, die in der DDR über Carlos angelegt
worden sind und Anfang der 90er Jahre an die Öffentlichkeit gekommen
waren. Schon damals waren wegen dieser Akten auch von der
Bundesanwaltschaft Ermittlungen gegen Fröhlich aufgenommen und wieder
eingestellt worden.

Es konnte kein hinreichender Tatverdacht festgestellt werden, erklärte
ein Sprecher der Bundesanwaltschaft, der sich über das Agieren der
französischen Behörden erstaunt zeigte. Ein in Hannover ansässiges
»Solidaritätskomitee Christel Fröhlich« hingegen wollte an die
Naivität der Bundesanwaltschaft nicht so recht glauben. Bei Fröhlichs
Festnahme handele es sich um eine EU-weit koordinierte
Geheimdienstaktion, hieß es in Erklärungen der Solidaritätsinitiative.
Die Vorwürfe gegen Fröhlich seien »unbelegte Behauptungen, falsche
Schlußfolgerungen und Unterstellungen«, heißt es dort. Selbst die
Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) äußerte Zweifel an der
Stichhaltigkeit der Anklage. »Hat man gar nicht mehr gegen Frau
Fröhlich in der Hand als bisher bekannt ist, und braucht sie nur, um
den eisern schweigenden Carlos überführen zu können?« orakelte das
konservative Blatt 1996 über die Bestrebungen der französischen
Behörden. »Als Kronzeugin gibt sich Christel Fröhlich nicht her«,
lautete allerdings die Einschätzung des Solidaritätskomitees in
Hannover.

Tatsächlich verweigerte Fröhlich jede Aussage und beteiligte sich mit
anderen politischen Gefangenen an Solidaritätsaktionen mit dem zum
Tode verurteilten amerikanischen Journalisten Mumia Abu-Jamal. Mehrere
Versuche deutscher und französischer Justizbehörden, Personen aus dem
politischen und privaten Umfeld von Fröhlich zu Aussagen zu zwingen,
verliefen erfolglos.

Offiziell wurde Fröhlichs Freilassung jetzt mit einem neuen Gesetz
begründet, das die Dauer der Untersuchungshaft in Frankreich auf vier
Jahre begrenzt. Ein Zeitraum, der bei der Hannoveranerin längst
überschritten war. Klaus Richartz vom Solidaritätskomitee befürchtet,
daß die Freiheit von kurzer Dauer sein könnte. »Der Richter kann neue
Verdachtsmomente einführen. Dann beginnt die Untersuchungshaft von
vorn«, sagte Richartz gegenüber jW. Zur Zeit darf Fröhlich Paris nicht
verlassen und muß sich jeden Tag bei der Polizei melden.

Die deutsche Presse hatte schon nach Fröhlichs Inhaftierung ihr Urteil
gefällt. »Bild« und niedersächsische Lokalzeitungen präsentierten die
Hannoveranerin mit Foto als »gefährliche Terroristin«. Auch nach ihrer
Freilassung hat sich daran nicht viel geändert. Ausgerechnet die taz
schrieb am vergangenen Dienstag von der »mutmaßlichen deutschen
Terroristin Christel Fröhlich«.

Peter Nowak

[Index] [Nowak] [Thematisch] [vor1999] [Chronologisch99] [Chronologisch 2000] [Chronologisch 2001] [Chronologisch 2002]