junge Welt02.03.2001
Call-Center: Was tun gegen prekäre Arbeitsverhältnisse?
jW sprach mit Jörg Nowak, Mitglied der Berliner Call Center Offensive,
die sich für die Rechte von prekär Beschäftigten einsetzt
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F: Sie haben eine Call-Center-Initiative mitbegründet. Zu welchem
Zweck?

Wir haben uns Call Center Offensive (CCO) genannt - in ironischer
Anlehnung an die »Call Center Offensive NRW«. Das ist eine Stabstelle
beim Ministerpräsidenten Nordrhein- Westfalens, die die Ansiedlung von
Call Centern (CC) fördert. Im Hinblick auf die Arbeitsbedingungen
stellt diese Form der Subvention keinerlei Bedingungen - und genau
dagegen kämpfen wir. Wir wollen erreichen, daß die Beschäftigten in
den Call Centern mehr Ansprüche an ihre Arbeitsbedingungen stellen.
Wir konzentrieren uns auf die prekär arbeitenden sogenannten
Call-Center-Agents (CCAs), auch weil wir überwiegend selbst in
derartigen Verhältnissen arbeiten.

Gerade bei Agents, die mit dieser Arbeit ein Studium finanzieren
wollen, sind miese Arbeitsbedingungen üblich. Diese Leute haben meist
keine Ahnung von Mindestrechten und fungieren so klar als Lohndrücker.

F: Gibt es Erfolge in Ihrer Arbeit?

Wir unterhalten eine Website und laden monatlich zu einem öffentlichen
Treffen von Call-Center-Agents in Berlin ein. Ein Erfolg unserer
Arbeit ist, daß Arbeitende aus dem Call-Center »AudioService« Verträge
einforderten, die wenigstens den gesetzlichen Mindestbedingungen
genügen. Daraufhin wurden die meisten gekündigt. Sie haben aber
wenigstens Abfindungen zwischen 2 500 und 5 000 DM erhalten, während
sich frühere Generationen von Arbeitenden bei »AudioService« immer
ohne Abfindungen rauswerfen ließen.

Als weiteren Erfolg bewerten wir, daß sich eine recht große Gruppe von
Beschäftigten im Call Center »Hotline« zu einer Initiative für einen
Betriebsrat zusammengeschlossen hat. Als dem Personalchef dies von der
IG Medien mitgeteilt wurde, drohte der mit Entlassungen und einer
Lohnkürzung um 30 Prozent. Nach einer Betriebsversammlung, bei der
sich die Mehrheit der Anwesenden für einen Betriebsrat aussprach und
die zudem von einer Kundgebung vor dem Betrieb begleitet wurde, hatte
die Geschäftsleitung einige der Initiatoren zu einem Gespräch geladen.
Danach wurden sie gekündigt und mit Hausverbot belegt. Im Laufe des
Tages erhielten weitere 23 Personen die Kündigung. Kurz danach wurde
von der Geschäftsleitung ein Termin zur Wahl eines Wahlvorstands für
den Betriebsrat angesetzt. Auf dieser Versammlung übergaben
Angestellte, die noch dort arbeiten, eine Petition zur
Wiedereinstellung der Gekündigten. Ob Klagen auf Wiedereinstellung
erfolgreich sein werden, bleibt abzuwarten. Aber zumindest sieht es
jetzt so aus, als würde es dort bald einen Betriebsrat geben.

F: Wie sind die Arbeitsbedingungen in Call-Centern?

Sehr unterschiedlich. Konkret geht das von einem Dutzend Anrufen pro
Schicht bis zu 400 Anrufen in acht Stunden. Es gibt Firmen, in denen
mehr als 30 Mark Stundenlohn per Tarifvertrag, Ausgleichsgymnastik in
der Arbeitszeit und gewählter Betriebsrat üblich sind. Und es gibt
andere, wo die Beschäftigten vertragslos, vertretungslos, auf
Provisionsbasis für am Ende weniger als zwölf Mark pro Stunde ohne
bezahlten Urlaub und ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall arbeiten.
Die zuletzt beschriebenen CCAs sind unsere Zielgruppe.

F: Beschäftigte in prekären Arbeitsverhältnissen gelten nicht gerade
als organisationsfreundlich. Wie sind die Reaktionen auf Ihr
Engagement?

Tatsächlich haben die meisten Beschäftigten, mit denen wir es zu tun
haben, vorher noch nie einen Gedanken daran verschwendet, in eine
Gewerkschaft einzutreten. Doch oft reicht schon ein kleiner Anstoß,
damit Leute sich wehren.

F: Wie ist Ihr Verhältnis zu den Gewerkschaften?

Der oben erwähnte Kampf bei AudioService hat zu einigen neuen
Mitgliedern der IG Medien geführt. Wir schicken die CCAs auch für
Rechtsberatungen zu den Gewerkschaften. Kontakt haben wir vor allem
zur IG Medien und zur Postgewerkschaft, die in letzter Zeit den
Zuständen in Call-Centern größere Aufmerksamkeit schenken als früher.

Interview: Peter Nowak

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