jungen Welt vom 15.10.2001Spekulanten-Team: Mieter nicht vorgesehen

Immobilienfirma will in Berlin-Mitte Haus räumen lassen. Bezirksamt leistet Amtshilfe Peter Nowak

»Dürfen wir Sie kennenlernen?« Diese freundlich gemeinte Frage auf der Homepage der Tübinger Gesellschaft für Stadtentwicklung »Team-2« hat für die ca. 30 Bewohner des Hauses Brunnenstraße 183 in Berlin-Mitte seit dem vergangenen Mittwoch einen ganz neuen Sinn bekommen. An diesem Tag stand Team-2-Mitarbeiter Günther Stach unangemeldet vor der Haustür. Mitgebracht hatte er Vertreter des Rechtsamts von Berlin-Mitte sowie einige Polizisten. »Stach wollte uns auf diese Weise räumen«, befürchtet Hausbewohner Jens Hermann nicht ohne Grund. Seit die Firma das Haus gekauft hatte, sind die Beziehungen zwischen den Mietern und den neuen Besitzern äußerst gespannt. »Der Stach kam einfach in den Hof und fragte mich, was ich hier wolle. Hier gibt es doch keine Mieter«, erinnert sich eine Bewohnerin an die erste Begegnung mit den neuen Besitzern im letzten Jahr.

Tatsächlich lebt der älteste Hausbewohner seit 1934 in dem Gebäude. Anfang der 90er Jahre zogen Studenten und Künstler in das Gebäude, das des öfteren den Besitzer wechselte. Doch seitdem Team-2 das Haus gekauft hat, weht ein anderer Wind.Getreu seines im Internet verbreiteten Werbespruchs »In den schönsten Lagen Berlins entwickeln wir Immobilien mit hoher Wertsteigerung« will das Unternehmen das Haus so schnell wie möglich in lukrative Eigentumswohnungen umwandeln. In diesen Plänen sind Bewohner nicht vorgesehen, besonders wenn sie auch noch politisch aktiv sind. Seit mehreren Monaten betreiben die Bewohner der Brunnenstraße 183 mit dem »Kommunecafé« einen Kiezladen, der auch zum Treffpunkt von AKW-Gegnern und Antifa-Aktivisten geworden ist. Abgesehen von der jetzt verfügten zumindest zeitweiligen Schließung des Cafes hatte Stach an diesem Tag aber wenig Glück mit seinen Entmietungsbemühungen. Er verließ den Schauplatz sogar vorzeitig, als der Rechtsanwalt der Mieter Moritz Heusinger eintraf. Auch die von Räumung bedrohten Bewohner geben sich nicht geschlagen. An das Bezirksamt haben sie einige Fragen. »Wie kommt das Rechtsamt dazu, einen Hausbesitzer Amtshilfe gegen seine Mieter zu geben?« lautet die wichtigste.

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