junge Welt29.03.2001
Chancengleichheit in der Bildung möglich?

jW fragte die Bundestagsabgeordnete Maritta Böttcher, bildungspolitische Sprecherin der PDS

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F: Am Wochenende veranstaltet die PDS in Leipzig ihre 8. Bildungspolitische Konferenz. Was wird Schwerpunkt sein?

Die Konferenz wird von der PDS-Bundestagsfraktion gemeinsam mit dem Parteivorstand veranstaltet und steht unter dem Thema »Chancengleichheit ohne Wenn und Aber - Grundfrage linker Bildungspolitik heute und morgen«. Neben den beiden stellvertretenden PDS-Vorsitzenden Petra Pau und Prof. Peter Porsch erwarten wir die GEW-Vorsitzende Eva- Maria Stange, die Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften, Prof. Ingrid Gogolin, den Vorsitzenden des Grundschulverbandes Brandenburg, Dr. Manfred Schemel, und eine Reihe weiterer Bildungsexperten aus Politik, Gewerkschaften und Wissenschaft und natürlich nicht zuletzt Vertreter der von den Mißständen im Bildungswesen am meisten Betroffenen: Pädagogen und Schüler. Am Sonntag wollen wir das Thema in acht Arbeitsgruppen konkretisieren - von den Lebensbedingungen der Kinder und Jugendlichen über Medienerziehung, politische Bildung, Situation im Berufsbildungs- und Weiterbildungsbereich, Rolle der Pädagogen bis hin zum Problem der Bildungsfinanzierung.

F: Mit der »Chancengleichheit im Bildungswesen« wird hier nicht nur ein bereits im Sozialismus praktiziertes, sondern auch ein altes sozialdemokratisches Bildungsideal formuliert.

Das ist richtig. Gerade unter den gegenwärtigen Bedingungen des inflationären Gebrauchs der Worte »Chancengleichheit« oder »Chancengerechtigkeit« in bildungspolitischen Positionspapieren aller Art erschien es uns besonders wichtig, unseren Standpunkt genauer zu bestimmen. Während die CDU Gleichheit durch »Chancengerechtigkeit« ersetzt, die FDP das Problem auf »Chancengleichheit beim Start« reduziert, die Grünen das Leitbild der Chancengleichheit zu einem »Leitbild der Vielfalt und Differenz« weiterentwickeln und die SPD neben dem Prinzip der Chancengleichheit immer auch das der »individuellen Verantwortung« betont, sehen wir unsere Aufgabe darin, die wesentlichen Inhalte dieser grundlegenden Forderung progressiver Pädagogik neu zu beleben und sie in den gesellschaftlichen Kontext einzuordnen.

Gerade heute gibt es gute Gründe, wachsenden alten und neuen Ungleichheiten Widerstand entgegenzusetzen - auch und nicht zuletzt in der Bildungspolitik. Bedeuten doch die beliebten Schlagworte von »Chancengerechtigkeit«, »individueller Verantwortung« und »Differenzierung« im Kontext des bundesdeutschen Bildungssystems: Selektion, Auslese und Reduktion öffentlicher Verantwortung. Zusammen mit dem fortschreitenden Sozialabbau und der hohen Arbeitslosigkeit heißt das: weitere gesellschaftliche Ausgrenzungen, wachsende Zerklüftung der Gesellschaft, Chancenlosigkeit für große Bevölkerungsteile. Solchen Entwicklungen muß gegengesteuert werden - nicht nur in der Bildungspolitik. Aber wo soziale Polarisierung wächst, ist die soziale Ausgleichsfunktion des Bildungswesens doppelt wichtig. Soziale Gerechtigkeit ist ein Grundwert des demokratischen Sozialismus, zentrale Aufgabe und leitendes Prinzip des politischen Handelns der PDS.

F: Mit dem Kongreß soll gleichzeitig eine Kampagne der PDS gegen die Ungleichheit im Bildungswesen beginnen. Was ist da geplant?

Die aus unserer Sicht notwendigsten nächsten Schritte in Richtung »Gleiche Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten für alle« haben wir in 15 Eckpunkten »Gegen wachsende Ungleichheit im Bildungswesen« zusammengefaßt, die wir auf der Konferenz beschließen wollen. Das ist ein Forderungskatalog, für dessen Umsetzung wir uns sowohl in den Parlamenten als auch in Initiativen und Bündnissen vor Ort engagieren werden. Zu diesen Forderungen gehören: mehr Investitionen ins Bildungswesen, Ausbau der öffentlichen Bildungseinrichtungen und Ablehnung von Privatisierung, kostenlose Kitas, kleinere Klassen, gemeinsame Ganztagsschule, bessere Arbeitsbedingungen für Pädagoginnen und Pädagogen, solide Allgemeinbildung u.v.m.

F: Wo sehen Sie in einer Zeit, in der Elitebildung in aller Munde ist, Bündnispartner für die propagierte Chancengleichheit?

Die Bündnispartner sehen wir dort, wo die sogenannte Elitebildung auf eigene Rechnung eben nicht funktioniert. Von den Kürzungen in den öffentlichen Haushalten sind vor allem jene betroffen, die auf das öffentliche Bildungswesen angewiesen sind und sich den privaten Ersatz von der Kinderbetreuung über Nachhilfe-Unterricht bis zu den Studiengebühren-Unis nicht leisten können. Proteste formieren sich immer wieder: gegen Unterrichtsausfall, Lehrer- Arbeitsbedingungen, Schließungen von Kitas, Schulen, Fachbereichen, Einführung von Studiengebühren usw. Und dort gibt es auch Bündnispartner: Schüler und Studenten, Lehrer und Eltern, Wissenschaftler, Gewerkschafter und Politiker.

Interview: Peter Nowak

*** 8. Bildungspolitische Konferenz der PDS in Leipzig, Samstag ab 10 Uhr, Sonntag ab 9.30 Uhr, im Leipziger Neuen Rathaus am Martin-Luther-Ring

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