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junge Welt18.08.2001Napalm und Schalom Ein Buch über Antisemitismus in der politischen Linke sowie ein Veranstaltungshinweis _________________________________________________________________
*** Willi Bischof, Irit Neidhardt (Hg.): Wir sind die Guten. Antisemitismus in der radikalen Linken. Unrast-Verlag, Münster 2000, 188 Seiten, DM 26,80 DM
Am 31. Jahrestag der faschistischen Pogromnacht vom 9. November 1938 wurden in Westberlin mehrere jüdische Mahnmale mit »Schalom und Napalm« und »El Fatah« beschmiert. Im jüdischen Gemeindehaus wurde eine Bombe deponiert. »Beide Aktionen sind nicht mehr als rechtsradikale Auswüchse zu diffamieren, sondern sie sind ein entschiedenes Bindeglied internationalistischer sozialistischer Solidarität.« Nicht von einer Neonazigruppe, sondern von den sich links verstehenden »Schwarze Ratten - Tupamaros« wurde dieses Bekennerschreiben im November 1969 verfaßt. Die Gruppe ist längst vergessen. Ihre Ergüsse wurden auszugsweise in einem Buch abgedruckt, das sich mit dem Antisemitismus in der radikalen Linken befaßt. Die hatte sich im Gefolge der Studentenbewegung in Abgrenzung zu den traditionellen Linksparteien gebildet und wurde mit solch unterschiedlichen Begriffen wie Spontis, Basisgruppen, Undogmatische oder Autonome belegt.
Spätestens seit dem Golfkrieg Anfang der 90er Jahre ist viel über den linken Antisemitismus geschrieben worden. Doch das vom Unrast-Verlag herausgegebene Buch nähert sich dem Thema einmal nicht mit Analysen und Zitatensammlungen. Die vier Einzelautoren und eine Autorengruppe, alle nach 1960 geboren und in unterschiedlichen Teilbereichen der radikalen Linken aktiv, beschreiben vielmehr ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Antisemitismus in der Szene. Dieser subjektive Ansatz ist nicht ohne Tücken. So mag der Beitrag des Pädagogen Frank Lohscheller, der sich mit seinem eigenen langsamen Abnabelungsprozeß von der autonomen Szene befaßt und dabei immer wieder Rückblicke auf die Nazivergangenheit seiner Großeltern liefert, interessant zu lesen sein. Warum er aber in einem Band zum linken Antisemitismus Eingang gefunden hat, der in dem Aufsatz nur kurz gestreift wird, muß das Geheimnis der Herausgeber bleiben.
Auch Tobias Ebbrecht verliert sich in seinem Text gelegentlich in Abschweifungen, kommt allerdings doch immer wieder zu seinem Thema zurück: Dem Unvermögen aktiver Antifaschisten, Empathie mit dem noch lebenden Opfern der Shoah zu entwickeln. Eine wesentliche Ursache sieht er in einer Faschismus-Analyse, die in den Nazis lediglich Marionetten des Kapitals sieht. »Die Besonderheiten des Nationalsozialismus, mit ihnen der Antisemitismus, gehen dadurch verloren.«
Am Beispiel eines Gesprächs der Generationen, das Marburger Linke 1998 als Rahmenprogramm zur Wehrmachtsausstellung organisiert hatten, zeigt Ebbrecht die Konsequenzen einer solchen Politik. Während ein an der Runde teilnehmender ehemalige SS-Mann allein für seine Anwesenheit gelobt wurde, obwohl er Fragen über seinen Beteiligung an Nazi-Verbrechen auswich und sich selbst zum Opfer stilisierte, wird einer KZ-Überlebenden und der Tochter eines Auschwitzhäftlings, die beide im Publikum saßen, jede Anteilnahme verweigert. Beide verließen schließlich nach Protesten vorzeitig die Veranstaltung. In den Bündnissen für die Entschädigung der Zwangsarbeiter und die Enteignung des IG-Farben-Konzerns sieht Ebbrecht bescheidene Ansätze für eine antifaschistische Praxis, die auf die Nazi-Opfer Bezug nimmt.
Den interessantesten Beitrag lieferte die Politikwissenschaftlerin Irit Neidhardt. Weil sie einen Teil ihrer Kindheit in Israel verbrachte und auch später immer wieder das Land besuchte, wurde sie von ihren linken Mitkämpfern ganz selbstverständlich als Jüdin betrachtet, was teilweise kuriose Ergebnisse hatte. Da gab es Erleichterung in der Politgruppe, wenn sie Formulierungen zu Israel und dem Palästinakonflikt schließlich nach längerer Diskussion doch akzeptierte. »Habt ihr euch besser gefühlt, die Golfkriegsflugblätter zu schreiben mit einer Jüdin in eurer Runde?« So Neidhardts bittere Frage.
Doch nicht nur dem linken Antisemitismus begegnet Neidhardt mit bissiger Ironie: »Für Verkitschung und die Liebedienerei gegenüber Israel, die seit einiger Zeit in gemäßigter Form auch in der radikalen Linken einsetzt, gibt es in der BRD nur einen innenpolitischen Grund.« Ein wirkliches Interesse an der Situation in Israel und Israel vermißt sie in der deutschen Linken. Auch die Intifada- Begeisterung der hiesigen Linken in den 80er Jahren habe sich im Wesentlichen aus »antisemitisch motivierter Genugtuung an der menschenverachtenden Palästinapolitik Israels« gespeist.
Israel-Boykott-Aufrufe, wie sie auf dem im Anhang abgedruckten Plakaten aus den späten 80er Jahren zu finden waren, gehören heute in der Linken wohl der Vergangenheit an, allerdings finden sich weiterhin strukturell antisemitische Argumentationslinien in linker Propaganda. Strittig muß bleiben, wann man von linkem Antisemitismus sprechen muß. Die antinationale »gruppe demontage« zeiht beispielsweise die Kurdistansolidarität des Antisemitismus, weil sie ohne jeden Beweis im Februar 1999 den Mossad für Öcalans Verhaftung verantwortlich gemacht und auf PKK- Solidaritätsdemonstrationen israelische Fahnen verbrannt habe. Hier könnte man einwenden, daß die »gruppe demontage« einen gerade in antideutschen Kreisen sehr verbreiteten Fehler macht, indem sie jede Kritik an Israel und dem Zionismus als Antisemitismus brandmarkt. Dabei wird übersehen, daß das Spektrum der Kritiker des Zionismus von orthodoxen Juden bis zu den unterschiedlichen Strömungen der jüdischen Arbeiterbewegung reichte.
Andererseits gibt es auch genügend »falsche Freunde Israels«, wie die damalige konkret-Kolumnistin Ulrike Meinhof schon Ende der 70er Jahre schrieb. Man konnte in Deutschland durchaus als Altnazi und Antisemit Israel aus außenpolitischen Gründen unterstützen.
Unbeeindruckt von solchen Überlegungen behaupten mehrere Autoren in der jüngsten Ausgabe des antideutschen Zirkulars Bahamas, nur eine bedingungslose Solidarität mit Israel sei der Gradmesser für einen wirklichen Kampf gegen den Antisemitismus. Diesem fatalen, unbeabsichtigt Deutschland entlastenden Ansatz folgen die Autoren des Buches glücklicherweise nicht. Sie untersuchen die antisemitischen Strukturen der Linken im Land von Shoah und Auschwitz und weichen nicht auf Nebenkriegsschauplätze in den Nahen Osten aus. Denn wie schrieb der auch in antideutschen Kreisen einst hoch angesehene Daniel Goldhagen richtig: Die Shoah war ein deutsches Projekt.
Gerade antideutschen Kritikern sollte nicht daran gelegen sein, die Nazis nach Bagdad oder Ramallah zu exportieren. Peter Nowak |