junge Welt Interview17.03.2001
Sind die 68er mundfaul geworden?
jW sprach mit PapyRossa-Geschäftsführer Jürgen Harrer
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(»Ich bekenne: Ich habe mich gewehrt, habe protestiert und
demonstriert ...« So beginnt ein in diesem Jahr von vielen Alt-68ern
unterzeichneter Aufruf. Der Geschäftsführer des PapyRossa-Verlags
Jürgen Harrer ist Initiator dieser Aktion)

F: Was war die Intention bei dem Aufruf: »Ich bekenne ...«? Woher kam
die Idee?

Obwohl ich meine, mir in dieser Hinsicht kaum noch Illusionen zu
machen, war ich persönlich doch perplex darüber, wieviel
Unverfrorenheit, Ignoranz und Lügen sich im Zusammenhang mit »68« in
Medien, Parteien und Bundestag ausgebreitet haben. Historische und
politische Fakten und Hintergründe haben da kein bißchen mehr
interessiert. Dabei war klar, daß Herr Fischer nur der Sack war. Und
wenn der geprügelt wurde, so galt das jenen »68ern«, aber auch allen
Jüngeren, die sich im Gegensatz zu ihm dem Mainstream nicht
unterworfen haben. Und kein Mensch hat diesem Schwachsinn
widersprochen! In dieser Situation war der Aufruf ein Appell: Macht
endlich den Mund auf!

F: Sie haben im Text ausdrücklich gegen den Angriffskrieg auf
Jugoslawien Stellung genommen, »auch wenn Ex-Spontis ihn
mitzuverantworten haben«. Warum kam nicht mehr als dieser Halbsatz
über die Integration großer Teile der Alt-68er in das System?

In unserem Text geht es doch zum einen um die Klarstellung, von wem
damals und heute strukturelle und manifeste Gewalt tatsächlich
ausgegangen ist und wo deren Ursachen zu lokalisieren sind. Zum andern
soll auf die Verlogenheit aufmerksam gemacht werden, wie hier die
Gewaltproblematik dargestellt wird. Wir stellen ab auf den grotesken
Widerspruch, Herrn Fischer und anderen die Beteiligung an damaligen
Protesten als Gewalttat anzukreiden, die Entfesselung eines
imperialistischen Krieges gleichzeitig aber als politische Läuterung
und Ausdruck staatsmännischer Verantwortung zu werten. Was ist ein
Fausthieb gegen den Einsatz von Uranmunition?

F: Es fällt auf, daß im Text zwar Solidarität mit Angela Davis und
Nelson Mandela geübt wird, im Zusammenhang mit dem »deutschen Herbst«
allerdings nur abstrakt von der »Außerkraftsetzung elementarer
Grundrechte« die Rede ist.

Ich halte das für einen etwas befremdlichen Vergleich. Angela Davis
und Nelson Mandela standen schließlich für Massenbewegungen gegen
imperialistische und rassistische Repression und nicht für
individuellen Terror, was von der RAF - von allen anderen
Unterschieden mal abgesehen - schwerlich zu sagen wäre. Im Gegenteil,
in meinen Augen haben Strategie und Aktionen der RAF eine Belastung
für die Protestbewegungen und ihre Verbreiterung dargestellt und zudem
Vorwände geliefert für den auch ohne sie beabsichtigten Abbau von
Grundrechten. Ich habe allerdings die rachsüchtige »Sonderbehandlung«,
der Ulrike Meinhof und andere Gefangene in ihren Prozessen wie in der
Haft ausgesetzt waren, entschieden abgelehnt - und das tue ich heute
noch viel mehr! Neben humanitären und rechtsstaatlichen
Gesichtspunkten auch deshalb, weil dadurch eine offene
Auseinandersetzung verhindert wurde und wird. Offensichtlich ist das
auch gar nicht gewollt. Daneben finde ich es aber merkwürdig, daß
heute auch Linke zuerst an die RAF denken, wenn von den 70er Jahren
die Rede ist. Warum fragen Sie nicht nach Brokdorf meinetwegen, wo
Notstandsgesetze und Polizeistaat in brachialer Aktion zu erleben
waren? Oder nach der ebenfalls verfassungswidrigen Verfolgung der
Unterzeichner und Unterzeichnerinnen des Mescalero-Aufrufs?

F: Wie war die Resonanz auf Ihren Aufruf?

Buchstäblich überwältigend. Es sind Dutzende von
Zustimmungserklärungen gekommen. Außerdem auch vier kritische
Reaktionen und zwei Schmähungen, also kaum der Rede wert. Es ist
offensichtlich so, daß wir ganz vielen Leuten aus dem Herzen
gesprochen haben, denen soviel Blödheit und die duckmäuserischen
Reaktionen der Angegriffenen einfach zuwider waren. Sie müssen sich
das vorstellen, daß allein auf einen individuellen Vorstoß hin
schließlich etwa 350 Unterschriften - und Spenden, denn das mußte ja
auch finanziert werden! - zusammengekommen sind. Ich finde das enorm.

Interview: Peter Nowak

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