Frankfurten Rundschau24.02.01
Zwischen Agitfolk und Polit-HipHop


· Unter neuen Namen meldet sich das Festival des politischen Liedes in
Berlin zurück

"Da sind wir aber immer noch und der Staat der ist noch da, den Arbeiter
erbaun...." dieser Refrain wurde zur Erkennungsmelodie des Festival des
politischen Liedes, dass seit 1970 jeden Februar in Ostberlin stattfand.
Das Festival, dass seine Wurzeln in der sozialkritischen Liedermacher- und
Folkbewegung hatte, für die Namen wie Pete Seeger, Woody Guthrie und Franz
Josef Degenhardt stehen schien trotz vielfältiger Rettungsversuche das
Ende der DDR nicht zu überleben. Doch die Grabreden waren verfrüht. Eine
Gruppe von Journalisten, Kulturwissenschaftlern und Künstlern, die sich im
Verein "Lied und soziale Bewegung" zusammengeschlossen hatten, sorgten im
letzten Jahr zum 30jährigen Jubiläum für ein Revival des Bardentreffens.
"Wegen des grossen Zuspruch machte man in diesem Jahr gleich weiter"
meinte Festivalveteran der ersten Stunde Lutz Kirchenwitz.
Anders als zu DDR-Zeiten stehen Repräsentationsbauten wie der Palast der
Republik dem Festival heute nicht mehr zur Verfügung. Mit dem Kulturhaus
Wabe im Ernst-Thälmann-Park wurde ein Domizil mit DDR-Ambiente gefunden.
Doch eine Nostalgieveranstaltung soll das Festival nicht sein, betont
Kirchenwitz. Während im letzten Jahr die kritische Aufarbeitung der
Festivalgeschichte im Mittelpunkt verschiedener Veranstaltungen stand, ist
dieses Jahr der Blick eindeutig auf die Zukunft gerichtet. Aus dem Festival
des politischen Liedes wurde das 'Festival Musik und Politik'. Damit wolle
man den gewandelten Musikinteressen Rechnung tragen, erklärten die
Organisatoren auf einer Pressekonferenz. Gerade die jüngere Generation
verbindet mit politisch engagierter Musik eher HipHop als Folk.
Das aktuelle Festivalprogramm ist erkennbar von dem Bemühen geprägt, die
Jugend anzusprechen ohne die alten Folk-Freunde zu vergraulen.
Am Eröffnungsabend konnte man die unterschiedlichen Zielgruppen noch an
getrennten Orten bedienen. Während in der Wabe Jugendbands aufspielten,
trat der argentinische Protestsänger Léon Gieco mit seiner Band wenige
Kilometer entfernt in der Volksbühne auf. In den nächsten Tagen allerdings
werden sich die unterschiedlichsten Stile vom Agitfolk eines Kai
Degenhardts bis zum politisierenden HipHoper Torch, von der engagierten
Liedermacherin Barbara Thalheim bis zum Berufszyniker Wiglaf Droste auf
einer Bühne abwechseln. Neben Konzerten gehören diverse
Diskussionveranstaltungen mit den Künstlern zum Festivalprogramm. Die
thematische Breite reicht von der aktuellen Rolle des politischen Liedes in
Lateinamerika bis zum Stellenwert engagierter Musik in der heutigen
Spaßgesellschaft.
Als Experiment mit ungewissen Ausgang bezeichnet ein Mitorganisator das
ambitionierte Programm. Das liesse sich auch für das Festival insgesamt
sagen. Ob es nächstes Jahr wieder stattfinden kann, ist noch offen. "Trotz
grossen Engagement einer Handvoll Ehrenamtlicher fehlen die finanziellen
Mittel" meint Kirchenwitz.
Peter Nowak

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