Frankfurter Rundschau vom 22.2.2001Nichts wie Prügelszenen?
Apo-Professoren luden zu einem Teach-in über die 68er

Von Peter Nowak

BERLIN. Es war unverkennbar ein Familientreffen der Alt-68er, das sich am
vergangenen Donnerstag in einem Hörsaal in der Freien Universität Berlin
abgespielt hat. Die ergrauten Köpfe waren in der Mehrheit. Da hatte die Crème de la
Crème der Außerparlamentarischen Opposition (Apo) zum Teach-in geladen. Man
kannte sich, nannte sich beim Vor- oder gar mit dem Spitznamen. Wolf-Dieter
Narr, Elmar Altvater, Hajo Funke. Bodo Zeuner, Ekkehart Krippendorff, Urs
Müller-Plantenberg und noch einige mehr, die sich im Hintergrund hielten und
höchstens mal mit einen lustigen Zwischenruf bemerkbar machten. Manche der alten
Kämpen werden altersbedingt demnächst die Universität verlassen. Doch der
melancholische Einschlag des Treffens hatte einen anderen Grund.

Aktuelle Ereignisse waren es, die die Professoren noch einmal zu einer
öffentlichen Veranstaltung zusammenbrachte. Die Auseinandersetzung um die
Biografie der Bundesminister Joschka Fischer und Jürgen Trittin hatte sich
unversehens noch einmal zu einer Generaldebatte über die 68er-Bewegung entwickelt.

Soll davon für die Nachwelt nicht mehr übrig bleiben, als Prügelszenen mit
Polizisten? Das wollten die Apo-Professoren so nicht stehen lassen. "Ein nicht
enden wollender Streit oder: wie durch Umdeutung die Zukunft festgelegt
werden soll", hieß denn auch der Arbeitstitel des mehr als vierstündigen Teach-in
(Anmerkung dazu im Programm: "Die Veranstaltung soll "Teach-in"-Charakter
haben, d. h. alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer können sich einmischen").

Doch zunächst schien es sich zu langweiligem Frontalunterricht zu
entwickeln. Siegfried Heimann, schon im Outfit ein bekennender 68er, wagte einen
schnellen Ritt durch die Geschichte der Bewegung. Leider geriet sein vom Blatt
abgelesenes Referat so monoton, dass ein Teil der jüngeren Zuhörer das Weite
suchte. Brigitte Wehland-Rauschenbach, seit kurzem Dozentin für Genderstudies am
Otto-Suhr-Institut (OSI), die - wie ihr Vorredner - nicht zu erwähnen vergaß,
dass sie nie einen Stein geworfen hat, trug ihre Thesen wesentlich
prägnanter vor. Sie erfand für die "68er-Generation" die hübsche Metapher des Surfers.
"Einige waren bald wieder oben, andere schluckten zu viel Wasser, einige
sonnten sich am Strand der neuen Freiheit und manch einer tauchte endgültig
unter." Wehland-Rauschenbach betonte die kulturrevolutionären Momente der 68er
und hob die große Lust an der Buchlektüre und an der Wissensaneignung hervor.

Elmar Altvater bezeichnete es als einen Treppenwitz der Geschichte, wenn
Außenminister Fischer wegen Prügeleien mit der Polizei vor fast 30 Jahren und
nicht wegen des von ihm wesentlich mitverantworteten Jugoslawienkrieges stürzen
würde. Der langjährige Mitherausgeber verschiedener linker
wissenschaftlicher Periodika erinnerte daran, dass es in der Vergangenheit immer wieder "die"
Abrechnung mit der 68er-Bewegung gegeben habe Gleichzeitig habe das System
viele Ideen und Personen der 68er integriert. Der Politologieprofessor Bodo
Zeuner zählte die unterschiedlichsten Organisationen auf, die er im Laufe seines
"Marsches durch die Institutionen" durchlaufen und verändert habe: Die
Spiegel-Redaktion, die Gewerkschaften, die Universität, die SPD, schließlich die
Grünen, die er mittlerweile aber ebenfalls verlassen hat. Trotzdem würde er
weiterhin den Spagat zwischen außerparlamentarischem Engagement und
parlamentarischer Veränderung als Strategie empfehlen. Der demnächst emeritierte
OSI-Kollege Wolf-Dieter Narr setzte in seiner mit viel Ironie und Selbstkritik
gespeisten Abschlussrede die Akzente anders. Zwar sei er biografisch kein 68er
gewesen, weil er zu jener Zeit schon Assistent gewesen sei. Doch von der
Gesinnung sei er bis heute ein Außerparlamentarischer geblieben, der nie den Marsch
durch eine Partei gemacht hat. Narr geißelte die aktuelle "Bildungspolitik
pervers", die statt Chancengleichheit Ungleichheit zum Ziel habe und nicht
einmal mehr Spurenelemente der einstigen bildungspolitischen Debatte erkennen
lasse. Da hatten aber manche jüngere Semester die Veranstaltung schon längst
verlassen.

Dennoch blieben rund 100 Kommilitonen bis zum Schluss und diskutierten
eifrig mit. Dabei fragten sie immer wieder die Altvorderen, wie sie den Geist von
68 für den Protest gegen den aktuellen sozialen Kahlschlag an den Hochschulen
nutzen könnten. Doch Rezepte konnten sie keine anbieten. Altvater erinnerte
an die heute völlig veränderte Situation von Jungakademikern.
"Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst waren für uns unbekannte Vokabeln." Doch Relevanz für
aktuelle Probleme wollen die Apo-Veteranen ihren damaligen Vorstellungen auf
jeden Fall zubilligen. "Dass das nicht solche Geschichten bleiben, die man den
Enkeln erzählen kann", zitierte Bodo Zeuner den Refrain eines einst viel
gesungenen Liedes von Franz-Josef Degenhardt.

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