TAZ vom 8.5.01Rheinsberg ist ein Sonderfall
Morgen rollt ein Castortransport vom still gelegten AKW Rheinsberg. Die
Anwohner sind froh. AKW-Gegner planen Proteste. PDS übt sich in Dialektik. 6.300
Polizisten im Einsatz
Knapp 350 UmweltschützerInnen protestierten am Sonntag im brandenburgischen
Städtchen Rheinsberg gegen einen Transport von vier Castor-Behältern mit
radioaktivem Müll. Der soll morgen aus dem 1990 stillgelegten AKW Rheinsberg ins
Zwischenlager Nord (ZLN) im mecklenburgischen Lubmin fahren.

Für die regionalen AKW-GegnerInnen war die Demonstration trotz der wenigen
Teilnehmer ein Erfolg. Denn anders als in Gorleben drängt ein Großteil der
RheinsbergerInnen ungeduldig darauf, dass der seit mehreren Jahren verschobene
Castor-Transport Ost endlich stattfindet. Sie wollen die atomaren Altlasten so
schnell wie möglich aus der Stadt haben. "Wenn man gegen Kernkraft ist, dann
muss man auch für den Abbau sein, und nun gibt es von den Atomkraftgegnern
auch dagegen wieder Proteste", argumentiert Rheinsbergs Bürgermeister Manfred
Richter (SPD), der sogar mit der alten Anti-AKW-Parole "der AKW-Standort soll
wieder zur grünen Wiese werden" für den Transport wirbt.

Ähnlich argumentiert der Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, Wolfgang
Methling (PDS): "Der Transport ist die logische Konsequenz aus dem vor elf
Jahren erfolgten Ausstieg Ostdeutschlands aus der Kernenergie." Seine Partei
übt sich in dem Spagat, den Castor-Transport Ost zu billigen, ohne dass das
Anti-AKW-Image, das sich die PDS mit ihrem Engagement gegen die Transporte nach
Gorleben zu geben versucht, allzu stark angekratzt wird. "Die Transporte im
Westen dienen dem Weiterbetrieb der Atomanlagen, in Rheinsberg werden
Atomanlagen rückgebaut. Insofern ist das ein Sonderfall", meint die
PDS-Bundestagsabgeordnete Dagmar Enkelmann.

So viel Dialektik ist auch parteiintern umstritten. Mitglieder der
PDS-Fraktionen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern wollen sich an Protesten gegen
den Transport beteiligen. Heftige Kritik an der Position üben auch regionale
UmweltaktivistInnen. "Es ist problematisch, an irgendeiner Stelle anzufangen,
,gute' von ,schlechten' Transporten zu unterscheiden", meint die Vorsitzende
der Greifswalder Bürgerinitiative Kernenergie e. V., Anke Wagner. Für die
Haltung der Bevölkerung hat sie dennoch Verständnis: "Mit Aktionen gegen den
Transport wollen wir nicht gegen die Rheinsberger Bevölkerung protestieren,
sondern zeigen, dass das Problem tiefer geht. Solange AKWs irgendwo laufen, sind
sie eine Gefahr auch für die, die nicht direkt nebenan leben." Die BIs
plädieren für eine weitere Lagerung des Atommülls in Rheinsberg. Man habe sich zwei
Jahre auf die Transporte vorbereitet und werde am Tag X mit phantasievollen
Aktionen zur Stelle sein, erklärte Wagner. Denn bei einem reibungslosen
Transport könnte auch Atommüll aus anderen Regionen in das ZLN transportiert
werden. Die Lagerkapazitäten dafür sind längst vorhanden.

Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) hat angekündigt, jegliche
Proteste während der Transporte rigoros zu unterbinden. 6.300 Polizisten sind
im Einsatz. Schon im Vorfeld stieß ihre massive Anwesenheit vor Ort auf Unmut:
"Wir halten die seit Wochen andauernde polizeiliche Präsenz im Rheinsberger
Raum für schlicht übertrieben", erklärte der Kirchliche Umweltkreis Menz Ende
April. Besondere Sorgen macht den Sicherheitskräften, dass sich
demonstrationserfahrene AKW-GegnerInnen aus Berlin an den Protesten beteiligen könnten.
Schließlich ist Rheinsberg nur knapp 80 Kilometer von Berlin entfernt. PETER
NOWAK

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