TAZ vom 29.12.01Sehnsucht nach Alternativen
In Dresden tagt der 9. Jugendumweltkongress. Bis zum 2. Januar diskutieren
die Teilnehmer Wohnprojekte und Food-Coops, aber auch Strategien gegen
Rassismus. Kongress hat Geldknappheit und Streit überlebt: Lebensgefühl geht vor
Inhalt
Aus Dresden PETER NOWAK

Lebhaftes Treiben im Fritz-Löffler-Gymnasium: Überall sitzen junge Leute im
Kreis, malen Transparente oder schnippeln Gemüse. Rund 300 meist junge
Menschen sind am Donnerstagabend in den Weihnachtsferien freiwillig in eine Schule
gekommen, weitere werden in den nächsten Tagen erwartet. Bis zum 2. Januar
ist die Dresdner Schule der Standort des neunten Jugendumweltkongress (JUKSS).
Das alljährlich zwischen Weihnachten und Neujahr stattfindende
Ökologietreffen hat nach Nürnberg, Tübingen, Freiburg und Göttingen wieder in einer
ostdeutschen Stadt Platz gefunden.

Zurück zu den Wurzeln: Schließlich wurde der JUKSS beim Auftakt-Festival
1993 in Magdeburg aus der Taufe gehoben. Jenseits von Ideologien und
Organisationen wollte man sich damals für die Umwelt einsetzen. Doch die Organisatoren
der ersten Stunde haben schon lange andere Aktionsfelder gefunden. Ein Teil
von ihnen arbeitet inzwischen bei der globalisierungskritischen Organisation
Attac. Mittlerweile bereitet schon die dritte JUKSS-Generation den Kongress
vor.

Am meisten Interesse bei den Besuchern finden die Workshops zum Thema
"Anders leben". Informiert wird dabei über Kommunen, Wohnprojekte, selbstverwaltete
Betriebe, Tauschringe oder Food-Coops. Die Sehnsucht nach konkreten
Alternativen im hier und heute wird so wenigstens für einige Tage befriedigt. Doch
auch die allgemeine Politik ist Thema: Ein Workshop will Handlungsstrategien
gegen Rechtsextremismus und Rassismus erarbeiten. Mit dem Schwerpunktfeld
"Armut in Deutschland" betritt der JUKSS politisches Neuland. "Wir lassen uns
nicht in die Umweltnische schieben und wollen auch nicht nur über Nistkästen und
Mülltrennung reden", erklärt ein JUKSS-Mitarbeiter. Einige
Naturschutzverbände, die diese allgemeinpolitische Ausrichtung des JUKSS nicht mittragen
wollten, haben sich 1999 deshalb aus dem Vorbereitungen zurückgezogen

Der Kongress hat schon vieles überlebt: Die Streichung der staatlichen
Zuschüsse ebenso wie heftige interne Diskussionen über Radikalismus oder
Pragmatismus in der Umweltpolitik. So konnten sich die JUKSS-TeilnehmerInnen vor zwei
Jahren in Tübingen auch nach stundenlangen Debatten nicht darüber einigen, ob
man Vertretern der Weltausstellung (Expo) Rederecht gewähren oder ihnen aus
Protest eine Torte ins Gesicht werfen sollte. Doch zu einer Spaltung führte
das nicht. Die Erklärung dafür liefert ein langjähriger Besucher: "Es ist in
erster Linie ein Lebensgefühl, dass die Menschen an der JUKSS-Teilnahme
motiviert. Die politischen Inhalte stehen erst an zweiter Stelle." Das bestätigen
viele Besucher. Und auch auf den Flugblättern nehmen die Rubriken "Leben auf
dem JUKSS" und die "Selbstverwaltung auf dem JUKSS" mehr Platz ein als die
Ökoschwerpunktthemen.

Informationen zum JUKSS gibt es unter der Telefonnummer (034 51) 4 72 68 75,
im Netz per
www.jukss.de und per Email unter info@jukss.de

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