jungen Welt vom 20.12.2001Lebendig verbrannt
Vor einem Jahr stürmte das türkische Militär Gefängnisse. Keine Konsequenzen für Verantwortliche
Peter Nowak

Panzer drückten Gefängnismauern ein, vermummte Soldaten schossen auf wehrlose Gefangene: Am 20.Dezember 2000 stürmten schwerbewaffnete Militärs mehr als 20 Gefängnisse in der Türkei. Ausgerüstet waren sie, als gelte es, ein fremdes Land zu erobern. Trotzdem brauchten sie teilweise mehr als zwei Tage, um die Barrikaden der Gefangenen zu durchbrechen.

Die Bilanz waren 28 tote Gefangene, die von den Militärs erschossen oder erschlagen wurden. Andere erstickten im Rauch oder verbrannten in einem in die Zellen geschossenen Gasgemisch. Ein Bild ging in jenen Tagen durch die Weltpresse: Eine Frau, deren verbranntes Gesicht notdürftig mit einer weißen Salbe eingepinselt wurde, schrie beim Einstieg in den Ambulanzwagen: »Sie verbrannten mehre Frauen bei lebendigen Leib.« Alle Gefangenen wurden danach in Isolationszellen gebracht, wo die Folter weiterging. Die türkische Regierung hatte ihr Ziel, die Gefangenenkollektive zu zerschlagen, scheinbar erreicht.

Doch das Todesfasten von Hunderten Gefangenen und unterstützender Angehöriger geht bis zum heutigen Tag weiter und hat bis bislang 81 Tote gefordert. Hunderte Gefangene haben durch die Zwangsernährung das Gedächtnis verloren und irreperable gesundheitliche Schäden davongetragen.

Ankara behauptete zunächst, daß sich die Gefangenen selbst verbrannt hätten. Wenige Monate später wurde die staatliche Version von einer vom Parlament einberufenen Untersuchungskommission widerlegt. Sie bestätigte in allen Punkten die Angaben der Gefangenen, daß sich das leicht brennbare Gas in den kleinen Zellen selbst entzündet hatte. Doch Konsequenzen hatte der Bericht nicht. Die einzigen, die wegen der Ereignisse vom Dezember 2000 neue Verfahren bekommen hatten, waren die überlebenden Gefangenen. Sie wurden vor den Staatssicherheitsgericht wegen Aufruhr und Zerstörung von Gefängniseigentum angeklagt.

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