junge Welt Interview02.10.2000

Warum nicht die Vereinigung feiern?
junge Welt sprach mit Gerd Kollmann
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* Gerd Kollmann ist Mitorganisator der Demonstration »Deutschland
feiern heißt Tod und Unterdrückung feiern«, die am heutigen Montag in
Berlin stattfindet

F: Am heutigen Montag wird es eine Demonstration gegen das zehnjährige
Jubiläum der »Vereinigung« geben. Was sind Ihre Gegenargumente?

Das Motto der Demonstration lautet »Deutschland feiern heißt Tod und
Unterdrückung feiern«. Der zehnte Jahrestag Großdeutschlands ist für
uns alles andere als ein Grund zum Feiern. Wir werden an die über 100
Todesopfer faschistischer Gewalt seit 1990 in Deutschland erinnern und
auch an die Flüchtlinge, die bei Abschiebungen oder Versuchen
einzureisen umkamen. Einen zentralen Stellenwert bei unserer
Demonstration hat der Angriffskrieg gegen Jugoslawien, an dem
Deutschland führend beteiligt war. Ohne den 3. Oktober 1990 hätte es
diesen Krieg nicht gegeben.

F: Werden sich auch Nichtdeutsche an der Demonstration beteiligen?

Die Demonstration hat einen eindeutig internationalistischen Anspruch.
Jugoslawen werden sich mit eigenen Inhalten an der Demonstration
beteiligen. Eine solche Zusammenarbeit ist nicht selbstverständlich,
wenn man bedenkt, daß es im letzten Jahr noch heftige
Auseinandersetzungen in der deutschen Linken gab, als jugoslawische
Menschen mit ihren Fahnen auf Demos aufgetaucht sind. Ein weiterer
Schwerpunkt der Aktion ist der Export von Isolationsgefängnissen nach
dem »Stammheim«-Vorbild in die Türkei. Damit soll das Bild über die
angeblich gut funktionierende Demokratie in Westdeutschland um diesen
Aspekt ergänzt werden. Während die DDR auf die Stasi reduziert werden
soll, redet niemand über Stammheim, wo drei politische Gefangene unter
bis heute ungeklärten Umständen ums Leben gekommen sind.

F: Die Demonstration führt durch das ehemalige Ostberlin. Inwieweit
spielen die Menschen aus der ehemaligen DDR eine Rolle?

Die Demo richtet sich an alle, die sich von Deutschtümelei
distanzieren. Da machen wir keinen Unterschied zwischen West- und
Ostdeutschland. Schließlich können gerade jüngere Menschen damit
nichts mehr anfangen. Wir wollen den Opfern deutscher Politik ein
Forum geben. Das sind zunächst einmal die Menschen ohne deutschen Paß.
Das sind zweifellos auch viele ehemalige Bewohner der DDR. Wir haben
die Verschlechterung der ökonomischen und sozialen Situation von
Frauen thematisiert. Gerade die Frauen aus der DDR haben das sehr
deutlich erfahren. Auch die Zerschlagung ganzer Industriebranchen in
der DDR mit der Folge, daß die Arbeiter auf der Straße standen, haben
wir thematisiert. Wir sehen aber nicht alle DDR-Bürger nur als Opfer
Großdeutschlands. Nicht wenige lassen andere heute spüren, daß sie
keinen deutschen Paß haben.

Die Route vom S-Bahnhof Friedrichstraße zum Senefelder Platz haben wir
gewählt, weil es am Hackeschen Markt, einem neuen »In-Viertel«,
Redebeiträge zur Verdrängung sozial schwacher Menschen geben soll. Auf
der Abschlußkundgebung am Senefelder Platz werden wir daran erinnern,
daß der Jüdische Friedhof in unmittelbarer Nähe in den vergangenen
Jahren immer wieder von Antisemiten heimgesucht wurde.

Interview: Peter Nowak

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