junge Welt 24.10.2000

Volksuni goes Internet
Tradition wird auf Sparflamme fortgeführt. Widerspruch zwischen
Kapital und Arbeit entfällt
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Traditionell diskutierten in Berlin zu Pfingsten Hunderte Menschen in
der »Volksuniversität« über die Frage, wie die Welt zu verändern sei.
Nach jahrelanger Krise wurde dann über das bevorstehende Ende dieser
Anfang der 80er Jahre entstandenen linken Institution geredet. Doch in
abgespeckter Version gibt es sie immer noch, die »Volksuni«. Etwa 60
Personen trafen sich am vergangenen Wochenende im Haus der Demokratie
in Berlin zur Volksuni-Werkstatt. »Wer ändert die Welt? Alternative
Politik in, mit und unter der Globalisierung«, lautete das Motto.

In Arbeitskreisen wurde über die internationale Kontrolle der
Finanzmärkte, Gentechnologie und Globalisierung diskutiert. Drei
Mitglieder einer rechten Gruppierung namens »Association Liberal
Soziale Ordnung« (ALSO) versuchten mit ihrer an Silvio Gesell
orientierten antisemitischen Zinskritik die Diskussion zu
beeinflussen. Als sie dann noch auf ihre guten Beziehungen zum
mittlerweile bei der NPD gelandeten rechten Shootingstar Horst Mahler
verwiesen, mußten sie die Veranstaltung verlassen.

Schwerpunkt der »Werkstatt« war die Diskussion über neue Entwicklungen
im Internet und bei den Neuen Medien. Der Informatiker und Anhänger
der »Freien-Software- Bewegung« Stefan Meretz aus Düsseldorf sah mit
dem Internet gar die gesellschaftliche Spaltung in Arbeiterklasse und
Kapital weitgehend erledigt. Heute gehe es um den Widerspruch zwischen
freier Entfaltung des Individuums versus den Zwängen der
Kapitalverwertung. Davon seien sowohl Arbeiter als auch Kapitalisten
betroffen, betonte Meretz. Er sieht im Internet Keimformen für eine
neue emanzipatorische Politik. So würde durch die kostenlos im
Internet angebotenen Dienstleistungen das Patent- und Urheberrecht
mehr und mehr ausgehöhlt. Klagen von Musikkonzernen gegen im Internet
frei angebotene CDs seien nur Nachhutgefechte.

Andy Miller-Maguhn vom Berliner Chaos Computer Club landete mit einer
schlichten Frage wieder im realen Kapitalismus. »Wovon soll ich meine
Miete bezahlen, wenn im Internet alles kostenlos runterzuladen ist?«
Andere Fragesteller verwiesen darauf, daß die große Mehrheit der
Weltbevölkerung keinen Zugang zu Computern habe und äußerten die
Befürchtung, daß durch die neue Technologie die Kluft zwischen Reich
und Arm noch vergrößert werde.

Gerade bei der Volksuni hätte man die Einbettung der aktuellen
Interneteuphorie in gesellschaftliche Zusammenhänge erwarten können.
Schließlich sei die »Volksuni« einst mit dem Anspruch angetreten,
gesellschaftliche Phänomene mit der kapitalistischen Verwertungslogik
in Zusammenhang zu bringen. Davon war am Wochenende wenig zu merken.
Ob sich das bei künftigen Veranstaltungen der »Volksuni« ändern wird,
bleibt abzuwarten.

Peter Nowak

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