Vernetzung ohne politische Scheuklappen Neues Deutschland vom 6.5.00

Bündnis linker Hochschulen (Lira) will linke Debatten in die Hochschulen tragen

Die Krise der Linken hat auch die Hochschulen nicht verschont. Einst in Westdeutschland einflußreiche linke Studentengruppen wie der Marxistische Hochschulbund (MSB) und der Sozialistische Hochschulbund (SHB) lösten sich Ende der 80er Jahre auf. Zwar gab es auch danach linke Studentengruppen, die aber meist unkoordiniert vor sich hin werkelten und sich nach einigen Semestern wieder auflösten. Die Folgen bekamen die Kommilitonen während des letzten Universitätsstreiks 1997/98 zu spüren: "Wir haben eine Organisation vermißt, die unsere Aktionen bundesweit koordiniert"; erinnern sich die damaligen Aktivisten. Es waren dann auch Streikaktivisten aus 8 Hochschulen, die nach dem Abflauen der Bewegung im Februar 1998 an der Bochumer Universität das Bündnis linker und radikaldemokratischer Hochschulen (Lira) gründeten.

"Es ist ein offenes Projekt, an dem sich hoffentlich noch viele Gruppen beteiligen", erklärt die 1.Bundesvorsitzende Irina Neszeri auf der Gründungversammlung. Auf der letzen Lira-Bundeskonferenz, die Ende April abermals in Bochum stattfand, zogen die Delegierten eine insgesamt positive Bilanz. Nach mehr als zwei Jahre existieren an über 20 Hochschulen Lira-Gruppen, weitere Initiativen haben Beobachterstatus beantragt.

4 Massenzeitungen hat die Lira inzwischen verfaßt und an den Hochschulen verteilt. Die Themenpalette ist so breit wie die Aktionsbreite der verschiedenen Liragruppen. Artikel zum Weltwirtschaftsgipfel 1999 in Köln sind ebenso vertreten, wie zum antirassistischen Grenzcamp oder zur sozialen Grundsicherung. Allerdings kommt neben diesen Bewegungsthemen auch Fragen zur Bildung und Hochschule nicht zu kurz.

"Viele linke Studentengruppen nutzten die Hochschulgremien als Infrastruktur für ihre Politik, interessieren sich aber wenig für die Belange der Studierenden. Wir wollen hingegen wieder linke politische Debatten auf dem Campus initiieren und perspektivisch eine linke Wissenschafts-Kritik an den Hochschulen verankern"; benennt Lira-Aktivist Pascal Meiser vom AStA der FU-Berlin die Unterschiede zur linken studentischen Politkonkurrenz.

So beteiligen sich Lira-Gruppen federführend an der Kampagne für das politische Mandat der Asten und am bundesweiten Aktionsbündnis gegen Studiengebühren (AbS). Auch die auch in der Linken häufig in Vergessenheit geratenen sozialen Situation ist für die Lira ein politisches Betätigungsfeld. Schon bei der Gründung standen der Widerstand gegen den Sozial- und Bildungsabbau und der Kampf um die Demokratisierung der Hochschulen und aller anderen gesellschaftlichen Bereiche gleichberechtigt nebeneinander.

Als Serviceleistung für aktive Studierende hat die Lira unter www.linkeliste.de kürzlich eine Internetseite eingerichtet, auf der sich linken Studentengruppen ungeachtet ihrer politischen und ideologischen Differenzen vernetzen können.

An der Frage, ob die Lira auch in Zukunft eine Service- und Koordinierungsstelle für linke studentische Aktivitäten bleiben soll oder das eigene theoretische Profil schärfen soll, herrscht in dem heterogenen Bündnis Uneinigkeit. Doch zerstreiten wird sich der Verband über die Frage Masse oder Inhalt nicht. Dazu sind Lira-Aktivisten zu pragmatisch. Ex-Lira-Mitglied Henning Flad glaubt, daß erst die nächste Studentenbewegung von der Arbeit der Lira profitieren wird. "Dann wird es sich erweisen, ob studentische StreikaktivistInnen auf ein bundesweites, stabil funktionierendes Kommunikationsnetz zurückgreifen können".

Peter Nowak

Die Vernetzungsseite der linken Hochschulgruppen ist unter http://www.linkeliste.de abzurufen

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