Ein Hauch von Humboldt

Zukunftsperspektiven für die Universität? / Ein Tagungsband

Von Peter Nowak   Frankfurter Rundschau 16.03.2000

BERLIN. "Ich habe nichts Vortragenswertes gefunden, was ich zur Lage der Universität sagen könnte." So knapp begründete der Wissenschaftspublizist Claus Koch im Sommer 1997 seine Weigerung, an einer am Institut für Soziologie der FU Berlin geplanten Ringvorlesung unter dem Motto "Die Zukunft des Wissens - und die Universität" teilzunehmen. Alle anderen angeschriebenen Referenten antworteten erst gar nicht, so dass die geplante Vorlesungsreihe ausfallen musste.

Auch unter den Studierenden ist das Interesse an einer Debatte über die Zukunft der Universität nicht unbedingt größer, wie sich im Sommersemester 98 an der Hamburger Universität zeigte. Auf einem vom Uni-Präsidenten initiierten Aktionstag sollte über die Lehren diskutiert wer- den, die aus dem Ablauf des großen Uni- Protests vom Wintersemester 97/98 zu ziehen seien. Doch statt eifrig debattierender Kommilitonen hatte sich an diesem Tag gähnende Leere an der Hochschule breit gemacht. Viele geplante Diskussionsrunden mussten ausfallen, weil der größte Teil der Studierenden das große Teach-in einfach ignorierte. Da ist es alles andere als eine Selbstverständlichkeit, wenn sich in Berlin eine Reihe von Studenten fast ein Jahr lang getroffen haben, um einen Kongress vorzubereiten, der Anfang Dezember 1998 unter dem Titel: "Gähnende Lehre - Zukunftsperspektiven universitärer Bildung" stattgefunden hat. Das Spektrum der Referenten war denkbar breit. Es reichte von der bündnisgrünen Bildungspolitikerin Sybille Volkholz, über den Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz Klaus Landfried bis zu zahlreichen studentischen Initiativen. Jetzt sind die überarbeiteten Tagungsreferate in Buchform auf dem Markt.

Wie die Konferenz ist auch das Buch in drei Abschnitte gegliedert. Im ersten Teil wird unter der Fragestellung "Zwischen Selbstzweck und Ressource: Wozu ist Bildung da?" über die Zukunftsfähigkeit des Humboldtschen Bildungsideals debattiert. Während Asmut Trautsch unter Verweis auf Ulrich Beck in einer Zeit der schwindenden beruflichen Sinngebung eine Renaissance des Humboldtschen Ideals von dem Selbstwert der Bildung ausmacht, plädiert Thomas Möbius für einen Abschied vom "Mythos Humboldt". Der Referent sieht in der unreflektierten Zugrundelegung eines für die heutigen Universitäten nicht mehr zeitgemäßen Humboldtschen Bildungsideals eine Ursache für die Dauerkrise. Im zweiten Kapitel wird unter der Fragestellung "Feindliche Übernahme? Die Universitäten zwischen Staat und Wirtschaft" an diese Debatte angeknüpft. Auch hier stehen schon auf den ersten Blick unvereinbare Positionen nebeneinander. Während sich Annika Zorn vehement für eine pragmatische Kooperation zwischen Wirtschaft und Universität stark macht, stimmt Frank Winter das hohe Lied auf ein von den Zurichtungen des Arbeitsmarktes freies Bildungsideal an. Ganz in der Tradition der Frankfurter Schule sieht er dort das letzte Refugium für kritischen Geist, die Fähigkeit zur Negation des Bestehenden und die Fantasie für etwas Neues. Mit Fantasie ist man im dritten Kapitel, wo es um "Reanimierungsversuche der Hochschu- len" geht, allerdings recht sparsam umgegangen. Visionäre Zukunftsentwürfe sucht man in dem Buch vergeblich. Stattdessen ist Pragmatismus Trumpf. Eine stärkere Aufgabenteilung zwischen den berufsorientierten Fachhochschulen und den wissenschaftsorientierten Universitäten schlägt Rainer Hirt vor und plädiert dabei für höhere Zugangsbarrieren zu den Unis. Der Mitarbeiter am Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft Wolfgang Zunder ergeht sich seitenlang in technokratischen Visionen, in denen moderne Informations- und Kommunikationstechnologien die zentrale Rolle in der Universität der Zukunft spielen sollen.

Die zaghaften Reformvorschläge stehen in Kontrast zu den teilweise äußerst drastischen Befunden, wie sie in den beiden Vorkapiteln über den Zustand der heutigen Hochschulen zu finden sind. Wie schrieb doch der Wissenschaftspublizist Reinhard Kahl treffend in seinem Beitrag: "Um dem Elend der deutschen Hochschulen, die tatsächlich zu Lernfabriken verkommen sind, zu entkommen, reicht es nicht, in alter Manier Forderungen zu stellen, was Politiker nun alles zu tun hätten."

Dietz Hella, Trautsch Asmut, Zorn Angelika u. a. (Hg.), Gähnende Lehre - Zukunftsperspektiven universitärer Bildung, Berlin 1999, Wissenschaft & Technik Verlag, ISBN-Nr. 3-89685-562-X, 165 Seiten, 26 Mark.

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