Peter Nowak Freitag 28.07.2000

Steiners Erzengel

WALDORFSCHULENNicht zum ersten Mal gibt es eine Diskussion über die Verbindung von Anthroposophie und Rassismus

Die Nachricht scheint so skurril, dass man sie in den Vermischten-Spalten vermuten würde. Ein 1936 verfasstes Schulbuch mit dem kryptischen Titel »Atlantis und die Rätsel der Eiszeitkunst« soll wegen seines rassistischen Inhalts auf Antrag der Bundesfamilienministeriums Anfang August auf den Index gesetzt werden. »Der Keim zum Genie ist der arischen Rasse bereits in ihre atlantische Wiege gelegt worden,« lautet eine der inkriminierten Zeilen. Zum Politikum wurde der Fall erst, nachdem bekannt wurde, dass der Autor, Ernst Uehli, ein enger Freund und jahrelanger Mitarbeiter des Begründers der Anthroposophie Rudolf Steiner war und das Buch bis heute in den von Teilen der Alternativbewegung hochgeschätzten Waldorfschulen zum Unterrichtsmaterial gehört.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Waldorfschulen ins Gerede kommen. Erst im Februar dieses Jahres hatten Eltern von Waldorfkindern im Fernseh-Magazin Report die Anschuldigung erhoben, die Alternativschulen verbreiteten rassistische und antisemitische Bildungsinhalte. Schon 1994 waren ähnliche Vorwürfe laut geworden, damals aus den Niederlanden: Angelique Oprinsen, Mutter einer Waldorfschülerin, hatte unter den Unterrichtsmaterialien ihrer Tochter ein Buch mit dem Titel »Rassenkunde« gefunden, in dem unter anderem zu lesen war, dass die »schwarze Rasse« als kindlich, die »gelbe Rasse« als heranwachsend, die »weiße Rasse« als erwachsen und die »rote Rasse« als vergreist einzustufen sei, »Neger einen Sinn für Rhythmus und dicke Lippen« haben und »gelbe Menschen« ihre Emotionen hinter immer währendem Lächeln verstecken.

Die empörte Mutter ging an die Öffentlichkeit und sorgte für einen Skandal. Erst nachdem ihr stellvertretender Vorsitzender Christof Wiechert zurücktreten war, sah sich die Anthroposophische Gesellschaft gezwungen, eine Kommission mit der Untersuchung der Vorwürfe zu beauftragen. Die bewertete in ihrem im Februar 1998 vorgelegten Gutachten 16 Textstellen aus Steiners Werk als schwer beleidigend, diskriminierend und nach niederländischen Recht strafbar. Über fünfzig weitere Stellen wurden von der Kommission als leicht diskriminierend eingestuft. Damit räumte erstmals ein anthroposophisches Gremium rassistische Inhalte in Steiners Werk ein.

Für die Kritiker ist dieser Rassismus keine Entgleisung, sondern in dessen Lehre eingeschrieben. »Die Anthroposophen verknüpfen die altertümliche Lehre von den vier menschlichen Temperamenten, die Karmalehre sowie die rassistische Phraseologie,« sagt Peter Bierl, der im letzten Jahr ein kritisches Geschichtsbuch der Anthroposophie(*) verfasst hat. Er betont allerdings, dass der Rassebegriff der Anthroposophen sich von dem aufs Blut fixierten NS-Rassismus unterscheidet.

Steiners Gedankengebäude, das von Wurzelrassen, Erzengeln und Volksgeistern nur so wimmelt, ist Produkt völkisch-esoterischen Denkens aus dem Wien am Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Der junge Rudolf Steiner nahm die damals dort virulenten antisemitischen und rassistischen Ideen in seine Lehre auf. In den zwanziger Jahren befanden sich die Anthroposophen in allen entscheidenden politischen Fragen auf Seiten der äußersten Rechten, agierten gegen den »Schandvertrag von Versailles«, und die »Verweichlichung des Germanentums« durch den französischen Einfluss. Wie viele völkische Gruppierungen standen die Anthroposophen in Konkurrenz zur NSDAP, der sie vorwarfen, zu materialistisch zu sein und die spirituelle Ebene zu vernachlässigen. Nach 1933 überboten sich führende Anthroposophen mit patriotischen Erklärungen. Mitte der dreißiger Jahre gerieten sie allerdings in die Fronten eines Machtkampfs, der innerhalb der NSDAP zwischen altgermanischen Esoterikern, Deutschen Christen und neuheidnischen Strömungen ausgetragen wurde. Nachdem die Anthroposophen mit der England-Mission von Rudolf Heß ihren wichtigsten Protegé in der Naziführung verloren hatten, wurden alle ihre Einrichtungen endgültig geschlossen.

Ein Fakt, den Steiner-Adepten gerne ihren Kritikern vorhalten. Sehr beliebt zur Verteidigung der Anthroposophen ist auch der Verweis auf Ehrenerklärungen von Persönlichkeiten, die jeder Sympathie mit rechten Gedankengut unverdächtig sind, wie der Tochter des ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Evelyn Hecht-Galinski. Sie beteuerte in Zeitungsanzeigen, als Waldorfschülerin sei sie nie mit antisemitischen und rassistischen Gedankengut im Unterricht konfrontiert gewesen. Da wird auch kein Kritiker widersprechen. Doch Steiners Lehre soll außerhalb jeder Kritik bleiben, ist Bierls Eindruck. »Die Verteidiger der Anthroposophie lassen sich auf einen rationalen Diskurs über die vorgebrachte Kritik gar nicht erst ein, sondern vertreten den äußerst unwissenschaftlichen Standpunkt, nur derjenige könne Steiners Lehre beurteilen, der sie unterstütze.«

(*) Peter Bierl: Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister - Die Anthroposophie Rudolf Steiners und die Waldorfpädagogik, Konkret-Verlag, 1999

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