junge Welt 05.07.2000 Peter Nowak

Wem gehört die Prinzhorn-Sammlung?
Noch immer gibt es kein Denkmal für die Euthanasieopfer der Nazizeit.
Eine Berliner Initiative will das ändern. Von Peter Nowak
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Jahrzehntelang bargen die Kellergewölbe des Heidelberger
Universitätsklinikums einen Kunstschatz der besonderen Art, die
sogenannte Prinzhorn-Sammlung. Benannt ist sie nach dem Arzt Hans
Prinzhorn, der zwischen 1919 und 1921 rund 6000 Kunstwerke von
Anstaltsinsassen in der Heidelberger Klinik zusammengetragen hatte. In
den zwanziger Jahren machte die Sammlung weltweit Furore. Bekannte
Künstler wie Paul Klee, Picasso und Dali ließen sich bei ihrer Arbeit
von der Prinzhorn-Sammlung inspirieren. Die Nazis stellten einige
Kunstwerke aus der Sammlung in ihrer berüchtigten Ausstellung über
entartete Kunst aus. Dort wollte man die gesamte Moderne unter
Generalverdacht stellen. Dafür eigneten sich natürlich Bilder von
Psychiatriepatienten hervorragend. Eine Reihe der Künstler wurde unter
den Nazis Opfer der Euthanasiemorde, von weit mehr verliert sich in
den 30er Jahren jede Spur. In dieser Zeit wurde die Heidelberger
Universitätsklinik unter dem berüchtigten Neurologen Carl Schneider
zum Motor der Euthanasie, des Mordprogramms an sogenannten
Behinderten.

Im Keller vergraben

Nach 1945 hatten die Klinikverantwortlichen in Heidelberg daher allen
Grund, die Prinzhorn-Sammlung tief im Keller zu vergraben. Man wollte
die Vergangenheit ruhen lassen und wies alles von sich, was daran
erinnern könnte. Auch in Heidelberg schlug erst der Aufstand gegen den
»Muff von 1000 Jahren« eine Bresche in die Mauer der
Geschichtsverdrängung. In den 70er Jahren gründeten wie überall in der
Bundesrepublik auch in der Universitätsstadt am Neckar junge Mediziner
lokale Geschichtswerkstätten. So kam auch die Prinzhorn-Sammlung
wieder in das Gedächtnis der Öffentlichkeit. »Die ganze Sache hat eine
über 15jährige Vorgeschichte«, erinnerte sich der bündnisgrüne
Landtagsabgeordnete von Baden-Württemberg Dietrich Hildebrandt.
»Solange dauerte unser Kampf um eine angemessene Präsentation der
Ausstellung«. Nun scheint sich Hildebrandts Arbeit gelohnt zu haben.
Im Jahr 2001 soll die Ausstellung in einen extra umgebauten Pavillon
auf dem Gelände der Heidelberger Universitätsklinik eröffnet werden.
Die Heidelberger Klinik unterstützt das Ausstellungskonzept, denn erst
in den letzten Jahren sei den Verantwortlichen klar geworden, welchen
Schatz sie da in ihren Kellern lagerten. Auch die Landesregierung von
Baden- Württemberg hat sich hinter das Projekt gestellt. Schließlich
bringt ein solches Museum ja auch Touristen in die Region. Fast könnte
die Story als späte Erfolgsgeschichte abgebucht werden. Kleine
Initiativen informieren die Öffentlichkeit über verborgene Details der
Geschichte, zunächst will kaum jemand etwas davon wissen, nach einiger
Zeit sind alle dafür. Doch so einfach ist die Angelegenheit nicht. Der
Bundesverband der Psychiatrieerfahrenen (BPE) sowie überlebende
Euthanasieopfer und der Freundeskreis »Haus des Eigensinns« erheben
Einspruch gegen den geplanten Standort der Ausstellung. Auf dem Areal
der Tiergartenstraße, an der Stelle, wo von 1939 bis 1941 die
Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten die systematische
Registrierung und Tötung geistig Behinderter - die sogenannte
T4-Aktion - vorbereitet wurde, soll nach ihren Vorstellungen ein 1100
Quadratmeter großer, mit einem Mahnmal kombinierter Museumsneubau zum
Gedenken an die rund 275 000 Euthanasieopfer der Nazizeit errichtet
werden. Heute erinnert dort eine unauffällige, schwer leserliche Tafel
an die Terrorzentrale. Sie wurde erst Ende der 80er Jahre nach
heftigem Ringen mit den verantwortlichen Kommunalpolitikern von der
Initiative »Aktives Museum« angebracht.

In den 60er Jahren, als das Kulturforum als Westberliner
Aushängeschild für das »Deutschland der Dichter und Denker« errichtet
wurde, dachte niemand daran, die NS-Opfer zu ehren. Die modernen
Bauten der Philharmonie, der Staatsbibliothek und des Nationalmuseums
sollten die Vergangenheit im wahrsten Sinne des Wortes mit Beton
zudecken.

Für den Freundeskreis des Museums »Haus des Eigensinns« ist dieses
Ambiente genau der richtige Ort für ihr Vorhaben. Zwei
Ausstellungsprojekte haben die Initiatoren, zu denen u.a. der Berliner
Bischof Wolfgang Huber, der Schriftsteller Walter Jens und der
ehemalige Präsident der Berliner Ärztekammer und frühere grüne
Gesundheitspolitiker Ellis Huber gehören, für das Museum vorgesehen.
Eine vom Bund der »Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten«
konzipierte Wanderausstellung soll den Grundstock für die
Dokumentation der Verbrechen und der ideologischen Hintergründe der
Euthanasie-Morde bilden und würde zirka 40 Prozent des vorgesehenen
Museumsplatzes beanspruchen. Die restliche Fläche ist für die Bilder
der Prinzhorn-Sammlung reserviert.

Prinzhorns Motive

In einem Referat während einer Gegenveranstaltung zum Weltkongreß der
Psychiatrie im August 1999 in Hamburg beschäftigte sich der Sprecher
des BPE, René Talbot, ausführlich mit Prinzhorns Sammeleifer und
dessen Motiven. »Was ihn bekannt gemacht hat, ist die Plünderung der
künstlerischen Werke psychiatrisierter Menschen für die Gründung eines
psychopathologischen Museums. Dabei nutzte er die entrechtete
Situation dieser Menschen schamlos aus - eingesperrt und entmündigt
raubt er ihnen noch das letzte, was ihnen als Urhebern gehörte, ihre
künstlerischen Werke. In der selbstverständlichen Arroganz einer
kolonialen Macht gelten für sie keine Gesetze mehr - statt wenigstens
ein schriftliches Einverständnis der Vormünder der Psychiatrisierten
einzuholen, werden die Werke einfach von den Herrschern in den
Kliniken, den Ärzten, beschlagnahmt beziehungsweise das
Abhängigkeitsverhältnis eines gefangen gehaltenen Patienten
ausgenutzt, um sich die Werke angeblich »schenken« zu lassen... Bis
heute werden die Werke nichtidentifizierter Künstler mit Wörtern wie
>Schizophrenie<, >Paranoia<, >degenerativer Schwachsinn< usw.
diffamiert. Ein Künstler ist namentlich unbekannt, er/sie ist als
Person verschwunden, nur ein diagnostischer Fall, wie er von der
psychiatrischen Profession vor Jahren geschaffen wurde, zählt und ist
erwähnenswert. Es gibt nur eine Schlußfolgerung: dieses Werk ist
schizophren jenes eine Paranoia.«

Für Talbot zieht sich eine Linie von Prinzhorns Rolle als Sammler der
Patientenkunst zu seiner nazifreundlichen Haltung in seinen letzten
Lebensjahren, die Dr. Thomas Röske in seinem Buch »Der Arzt als
Künstler - Ästhetik und Psychotherapie bei Hans Prinzhorn 1886-1933«
ausführlich dargestellt hat. Prinzhorn, der im Januar 1933 kurz vor
Hitlers Machtantritt gestorben ist, lobpreiste den »prometheischen
Führer« Adolf Hitler und machte sich eigene Gedanken zur
Effektivierung des Antisemitismus. »Es ist und bleibt grotesk, daß
eine einflußreiche hochintellektuelle Presse es in den letzten Jahren
wagen durfte, unser geistiges Leben mit einer zäh und konsequent
betriebenen anti-arischen Propaganda zu durchsetzen... Die beliebteste
Taktik von philosemitischer Seite besteht darin, jede Bestreitung oder
Relativierung der Werte, die im Judentum am höchsten gehalten werden,
als Anzeichen eines Antisemitismus im subalternen Sinne darzustellen.«
Prinzhorn empfiehlt gegen »die rasend schnelle, in kaum zwei
Generationen geschehene Überflutung mit jüdischem Geist« statt Kampf
eine überzeugendere Selbstdarstellung, »in Werk und Tat nämlich die
dem Judentum unbequemen arischen Eigenwerte auf so hohem Niveau zum
Ausdruck zu bringen, daß nur offensichtlich tendenziöse Gehässigkeit
noch Angriffspunkte findet«.

Prinzhorns nazifreundliche Haltung bestreitet auch Bettina
Brand-Claussen nicht. Doch sie will zwischen dem späten Prinzhorn,
»der mit dem Nationalsozialismus liebäugelte«, und dem Kunstsammler
Prinzhorn einen dicken Trennungsstrich ziehen. »Die Sammlung trägt den
Namen Prinzhorns, weil dieser nach seiner erfolgreichen
Sammeltätigkeit eine erste, noch heute beachtenswerte Bearbeitung der
Werke vornahm.« Frau Brand-Claussen forscht für die Prinzhorn-
Sammlung der Psychiatrischen Klinik der Ruprecht-Karls- Universität
Heidelberg, die sich für eine Präsentation der Ausstellung in
Heidelberg einsetzt. Die vom grünen Abgeordneten Dietrich Hildebrandt
gewünschte Kooperation zwischen den beiden Ausstellungsprojekten
dürfte sich kaum realisieren lassen. Von der Heidelberger Initiative
wird mittlerweile jeder Kompromiß mit den Berlinern ausdrücklich
abgelehnt. Statt dessen machen Verdächtigungen und Vorwürfe die Runde.

Die Berliner Initiativen wollten die Prinzhorn-Sammlung nur als Köder
nutzen, um für das »Haus des Eigensinns« Werbung zu machen, lautet der
Vorwurf von Frau Brand-Claussen. Auch außerhalb der Expertenkreise
wird die Auseinandersetzung nur noch polemisch geführt. Unter der
Überschrift »Gegen politisch korrekten Schwachsinn« schreibt Meier,
das Stadtmagazin im Rhein-Neckar-Raum, daß »eine ominöse Initiative
des >Bundesverbandes Psychiatrie- Erfahrener< mit abstrusen Argumenten
die Sammlung nach Berlin holen will«. Es geht aber nicht nur um die
Standortfrage, sondern auch um unterschiedliche Konzeptionen.

Denkmal in Berlins Mitte

»Wir wollen den Künstlern mit der Präsentation im >Haus des
Eigensinns< ihre Würde zurückgeben«, betont René Talbot. Außerdem soll
mit der Ausstellung im Euthanasie-Mahnmal der Kontext zwischen der
Pathologisierung der Psychiatriepatienten durch Prinzhorn und ihrer
Vernichtung im nazistischen Euthanasieprogramm hergestellt werden.
Einen solchen Zusammenhang wiederum will die Heidelberger Initiative
unter allen Umständen vermeiden. »Die Tatsache, daß die Sammlung in
der Heidelberger Klinik, die in die Euthanasieaktion verwickelt war,
beheimatet ist, wird als Grund angesehen, sie von dort zu entfernen.
Diese Verknüpfung ist historisch nicht stichhaltig«, heißt es in einem
Papier der Prinzhorn-Stiftung.

René Talbot sieht in dieser Verweigerungshaltung aus Heidelberg die
Fortsetzung einer pathologisierenden Sichtweise. »Die Verantwortlichen
betrachten die Kunstwerke noch immer als Patientenkartei, die sie
nicht herausgeben wollen. Die Klinik will noch immer nicht
akzeptieren, daß sie die Kunstwerke bösgläubig erworben hat und die
Eigentümerrechte nicht an sie übergegangen sind.« Zu dieser
Schlußfolgerung kommt der Spezialist in Urheber- Rechtsfragen
Professor Peter Raue in einer Expertise. Dieser Rechtsposition hat
sich inzwischen auch Bundeskulturminister Dr. Michael Naumann in einem
Schreiben ausdrücklich angeschlossen.

Naumanns Schreiben hatte der Freundeskreis »Haus des Eigensinns« einem
Brief beigefügt, den er im April 1999 an die damalige Berliner
Finanzsenatorin Fugmann-Heesing (SPD) richtete. Eine Antwort des
Senats steht noch immer aus. Bisher hat sich von den im Bundestag
vertretenen Parteien nur die PDS rückhaltlos hinter die Konzeption vom
»Haus des Eigensinns« gestellt. Deren kulturpolitischer Sprecher
Heinrich Fink sieht im Museum auch den geeigneten Platz für die
Prinzhorn-Sammlung. Verhaltener äußert sich der SPD-
Bundestagsabgeordnete Eckhardt Barthel. Er persönlich stehe dem
Projekt »Haus des Eigensinns« positiv gegenüber, erklärte er auf
Nachfrage. Doch die Haltung in seiner Fraktion ist da schon
unbestimmter. »Viele Berliner SPD-Politiker haben sich bereits
zustimmend dazu geäußert, die Belange von Euthanasieopfern zu
unterstützen«, heißt es vage. Lediglich die CDU hat sich bisher gegen
das »Haus des Eigensinns« gewandt. Die kurzzeitige CDU-Kultursenatorin
Christa Thoben erklärte auf eine kleine Anfrage der Bündnisgrünen, der
Senat sei nicht davon überzeugt, daß die Errichtung getrennter
Denkmale für jede NS-Opfergruppe eine sinnvolle Form des Gedenkens
sei. Schließlich haben maßgebliche CDU-Kreise, einschließlich des
Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Eberhard Diepgen, gegen den Bau
des Holocaust- Denkmals agiert. Als das nicht mehr zu verhindern war,
beruhigte Diepgen seinen rechten Parteiflügel mit der Versicherung,
keinem weiteren Denkmal für NS-Opfer in der Mitte Berlins mehr
zustimmen zu wollen.

Jetzt befürchten die Psychiatrieerfahrenen, daß wie beim geplanten
Denkmal für die von den Nazis ermordeten Sintis und Roma auch für die
Euthanasieopfer ein Platz weit außerhalb von Berlin ins Gespräch
gebracht werden könnte.

Keine Gerechtigkeit

Der Leidensweg der Euthanasieopfer war nach 1945 keineswegs beendet.
Die systematischen Hungermorde gingen in den Anstalten bis 1947
weiter. Das für die »Euthanasie« verantwortliche Personal blieb nahezu
vollständig in den alten Positionen. Die wenigen Überlebenden mußten
oft entwürdigende Befragungen über sich ergehen lassen, um eine
geringe finanzielle Entschädigung zu bekommen. Nicht wenige
Euthanasieopfer, die durch glückliche Umstände der Gaskammer entgehen
konnten, wurden nach 1945 weiterhin gegen ihren Willen in Kliniken
festgehalten und teilweise mit Elektroschocks »behandelt«. Von der
Mehrheit der Bevölkerung hatten sie keine Unterstützung zu erwarten.
Die Vernichtung der als »lebensunwert« Gebrandmarkten wurde lange vor
der Nazizeit propagiert und fand auch danach genügend Unterstützung.
Kaum ein Verwandter stritt um die Rehabilitierung seiner ermordeten
Angehörigen. Wie mit Anfragen renitenter Angehöriger umgegangen wurde,
schilderte der Historiker Götz Aly: »Am 14. September 1964 meldete
sich eine Frau aus Basel bei der Staatsanwaltschaft Berlin. Sie fragte
nach den merkwürdigen Umständen, unter denen ihr Onkel im Januar 1945
in den Wittenauer Kliniken gestorben war. >Es interessiert mich zu
wissen>ob in den genannten Heilstätten Euthanasie angewendet wurde?<
Der zuständige Ermittlungsbeamte legte zehn Tage nach dieser Anfrage
ein Blatt 2 der Akte an, verfügte die Rubrik >Gegen Unbekannt wegen
Mordes (>Aktion Gnadentod<)< und schloß die Akte für immer«.

Für renitente Opfer konnten kritische Nachfragen eine Einweisung in
die psychiatrische Klinik bedeuten. Das passierte in den 60er Jahren
dem ehemaligen Patienten der Wittenauer Kliniken Werner K., der dort
zwangssterilisiert worden war. Er warf dem damaligen Professor der
Freien Universität und Gründer der dortigen Kinderklinik, Gerhard
Kujath, und dem damals noch in den Wittenauer Kliniken amtierenden
Oberarzt Willi Behrendt die Beteiligung an der Ermordung von
Erwachsenen und Kindern vor. Mit der Begründung, von Werner K. gehe
eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung aus, weil er
sich offenbar krankheitsbedingt in die Vorstellung hineinsteigere,
»daß ihm in der Zeit seiner Unterbringung in den hiesigen
Karl-Bonhöffer- Heilstätten Unrecht geschehen sei, für das er
Entschädigung verlangen könne«, wurde er zwangsweise in eine
Düsseldorfer Nervenklinik eingewiesen.

Ganz so rabiat kann man heute mit kritischen Psychiatrieerfahrenen
nicht mehr umgehen. Daher ist René Talbot auch verhalten optimistisch,
daß demnächst in Berlin an die Euthanasiemorde erinnert wird. »Im
Berliner Abgeordnetenhaus gibt es auch gegen die CDU eine Mehrheit für
das Museum in der Tiergartenstraße. Wenn aber erst das >Haus des
Eigensinns< steht, wird sich die Angelegenheit mit der
Prinzhorn-Sammlung schnell regeln«, gibt er sich überzeugt.

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