junge Welt 30.09.2000

Spekulationsobjekt Oderberger Straße
Berlin: Mieter wehren sich gegen Sanierungsfieber und Vertreibung
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Wir bleiben alle«, so lautete das Motto, das in den frühen 90er Jahren
Tausende Menschen auf die Straße brachte. Die Abkürzung WBA zierte
zeitweise Mauern, Plakate und Flugblätter. Die temporär erfolgreiche
Aktion begann im Hinterzimmer einer Kneipe in der Oderberger Straße im
Prenzlauer Berg. Nun taucht das Motto leicht abgewandelt abermals in
der Straße auf. Mieter aus drei Häusern haben sich zur Initiative »Wir
bleiben alle hier« (WBAH) zusammengeschlossen.

Der Name hat seinen Grund. Gutverdienende Angehörige der Neuen Mitte
haben ein neues Wohnumfeld im Osten Berlins entdeckt. »Seit einiger
Zeit entwickelt sich auch die Oderberger Straße zur Kneipen- und
Yuppiemeile. Computerspezialisten mit guten Gehältern suchen Wohnungen
hier«, meint Jana vom WBAH. Sie ist Mieterin in einem der drei Häuser,
die die Immobilienfirma Michael Gröbler & Peter Rupp in der Straße
aufgekauft hat.

»Bewohner, die ich nicht im Haus haben will, werden dort auch nicht
mehr wohnen bleiben«, sagte Michael Gröbler vor Zeugen. Bei diesen
Worten blieb es nicht. In einem Protokoll haben die Mieter
beschrieben, wie sie zum Auszug aus der Nummer 27 bewegt werden
sollen. Die Vorfälle sind für die Betroffenen zermürbend. Da werden
Ankündigungsfristen für Arbeiten nicht eingehalten. Der Hof ist derart
mit Baumaterial zugestellt, daß er kaum passierbar ist. Keller wurden
aufgebrochen, Buttersäure im Treppenhaus ausgekippt, das
Kabelfernsehen war für einige Wochen unterbrochen. Höhepunkt war der
unangekündigte Abriß der Schornsteine. Die Abzüge wurden vermauert.
Die Mieter aber sind auf die Kohleöfen angewiesen. Offenbar soll ein
kalter Winter die Mieter aus ihren Wohnungen treiben. Mittlerweile
haben sie die Berliner Mietergemeinschaft und die Justiz
eingeschaltet. Diese Gegenwehr sieht der Hausbesitzer gar nicht gern
und reagiert entsprechend sauer. Eine Kamera soll jetzt alle
Bewegungen um das Haus kontrollieren. Die Mieter fühlen sich
überwacht. Schließlich wohnt der Chef der Immobilienfirma gleich im
Nachbarhaus.

Die gezielte Mieterverärgerung zeigte Wirkung. Die ersten Mieter sind
ausgezogen. In einer der leerstehenden Wohnungen brach vor einigen
Wochen aus ungeklärten Gründen ein Feuer aus. Der Schrecken der
Mitbewohner war größer als der Schaden. Zuvor jedoch war schon in
einem anderen von Gröbler gekauften Haus in Prenzlauer Berg Feuer
ausgebrochen. Danach mußten die Mieter ausziehen. Heute ist das Haus
saniert.

Dem will die Mieterinitiative WBAH vorbeugen. Mit einem Hoffest in der
Oderberger Straße will sie am heutigen Samstag das erste Mal an die
Öffentlichkeit treten. Es geht ihr dabei nicht um die Einzelinteressen
einiger Mieter, sondern um die Entwicklung im Kiez insgesamt, wie
WBAH-Aktivistin Jana betont: »Auch wenn es im Jahr 2000 hoffnungslos
anachronistisch erscheinen mag, formulieren wir beharrlich die alten
Forderungen, die im Zeitalter von Hauptstadtwahn und
Berlin-Besoffenheit kaum jemand mehr zu stellen wagt: bezahlbarer
Wohnraum für Alle. Keine Vertreibung von Leuten mit geringen
Einkommen. Straßen sollen Wohnumfeld bleiben und nicht zum
Erlebnispark für Alt- und Neureiche werden.«

Peter Nowak

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