taz vom 29.12.2000Silvester mit Brecht

Politikspektakel: Brecht-Tochter Hanne Hiob steigt zu
Silvester auf den "Mahagonny"-Zug, der durch Mitte zieht

Die Innenstadt gehört am Silvesterabend den Feiernden. Nicht
ganz - einige Unverdrossene planen zum Millenniumsbeginn ein
kulturelles Politspektakel der besonderen Art. "Wir schlagen
Euch vor, am Jahrtausend-Silvester die Straßen Berlins mit
Bertolt Brecht uns seiner Tochter unsicher zu machen", heißt es
in einer Presseerklärung des Büro Mahagonny/Anachronistischer
Zug. Nach den Planungen des Vorbereitungsteams sollen in der
Menge der Feiernden um Mitternacht Menschen mit
Transparenten auftauchen, auf denen Parolen wie "Für den
Fortbestand des Goldenen Zeitalters", "Für den Kampf aller
gegen alle" und "Für die Unsterblichkeit der Gemeinheit" steht.
Sie wollen gemeinsam mit der Brecht-Tochter Hanne Hiob das
Finale der Brecht-Oper "Aufstieg und Fall der Stadt
Mahagonny" inszenieren, die Brecht 1923 als Synonym für das
präfaschistische München schrieb.

Zuvor soll Brechts Gedicht "Der Anachronistische Zug oder
Freiheit und Democracy" auf über 20 Lkws in verschiedenen
Stadtteilen aufgeführt werden. Brecht schrieb es 1947 als
Warnung vor der Rückkehr von Altnazis in allen Bereichen der
deutschen Politik. In knappen Vierzeilern erklären ÄrztInnen,
JournalistInnen, JuristInnen und andere Berufsgruppen, warum
sie weiterhin unentbehrlich sind. Vor über 20 Jahren begann eine
Gruppe von PolitaktivistInnen mit maoistischem Background
anlässlich der Wahl des ehemaligen NSDAP-Mitglieds Karl
Carstens zum Bundespräsidenten 1979 und der
Kanzlerkanditatur von F. J. Strauß zur Bundestagswahl 1980 mit
der Open-Air-Aufführung des Stückes. Anfang der 90er-Jahre
war auf einen Kongress in der Humboldt-Universität unter dem
Motto "Wohin fährt der Anachronistische Zug"
Perspektivdiskussion angesagt. "Es gab keine Initiative, die den
Zug gerufen hat, und das Geld fehlte", erklärte Heinz Klee vom
Berliner Vorbereitungsbüro die lange Auszeit. PETER NOWAK

Beginn des Zuges ist am 31.12. gegen 21 Uhr an der
Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz. Infos: Tel. 24 00 95 05

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