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junge Welt14.12.2000 Droht Peru ein Fujimorismo ohne Fujimori? junge Welt sprach mit Norma Velazco _________________________________________________________________
* Norma Velazco arbeitet in der Europavertretung der peruanischen Guerillabewegung Tupac Amaru (MRTA) und lebt in Hamburg
F: Welche Folgen hat der Sturz von Fujimori für die Tausenden politischen Gefangenen in Peru?
Die Übergangsregierung und die sie tragende Zivilgesellschaft hat sich zur Frage der politischen Gefangenen noch nicht geäußert. Lediglich die nationale Koordination für Menschenrechte hat kürzlich darum gebeten, daß die unschuldig verurteilten Gefangenen freigelassen werden.
Bisher ist nur bekannt, daß bei einigen politischen Gefangenen eine Amnestie in Aussicht gestellt wurde, weil ihre Strafe von einer Untersuchungskommission wegen erwiesener Unschuld revidiert wurde. Diese Kommission wurde noch unter Fujimori eingesetzt - eine kosmetische Operation für das Ausland .
F: Hat sich in Fragen der Menschenrechte nach Fujimori schon etwas verändert?
Die Übergangsregierung hat erklärt, daß sie keine grundsätzlichen Veränderungen vornehmen kann, weil sie nicht durch Wahlen oder einen Volksentscheid an die Macht gekommen ist. Doch seit dem Sturz von Fujimori können die Tatsachen der unter unmenschlichen Bedingungen gefangen gehaltenen Oppositionellen und der fundamentalen Menschenrechtsverletzungen in Peru nicht mehr geleugnet und unter den Tisch gekehrt werden. Es wird in der Öffentlichkeit wieder darüber gesprochen. Doch sicherlich wird die künftige bürgerlichen Regierung mit allen Mitteln verhindern, politische Gefangene freizulassen. Es ist hier eine Entwicklung wie in Chile nach Pinochet wahrscheinlich. Auch dort halten die bürgerlichen Demokraten revolutionäre politische Gefangene, die gegen die Diktatur gekämpft haben, bis heute in Haft.
F: Schon lange wurde in linken Kreisen davon geredet, daß die Bourgeoisie in Peru einen »Fujimorismo ohne Fujimori« anstrebt. Zeichnet sich jetzt eine solche Entwicklung ab?
Der Sturz von Fujimori ist sicherlich ein wichtiger Schritt im Kampf gegen die Kombination von Repression und Neoliberalismus, die sein Regime verkörperte. Er kann positive Auswirkungen nicht nur für Peru, sondern für ganz Lateinamerika haben. Allerdings ist damit das kapitalistische Modell, das unter Fujimori praktiziert wurde, noch keinesfalls gestürzt. Dazu ist eine verstärkte Propaganda und Organisierung der Massen notwendig, um in der Bevölkerung einen solchen Bewußtseinsprozeß herzustellen. Denn es ist klar, daß jetzt die traditionellen Politiker und Oppositionellen jeglicher Couleur der Bevölkerung weiszumachen versuchen, daß mit dem Sturz von Fujimori ihre Probleme gelöst sind.
F: Wie sieht die MRTA die gegenwärtige Entwicklung in Peru?
Die MRTA hat schon immer erklärt, daß sie nicht nur eine Regierung gegen eine andere austauschen will, sondern gegen ein System der Unterdrückung und Ausbeutung kämpft. Die gegenwärtigen Probleme unseres Landes, die extreme Armut, die Gewalt und das Fehlen sämtlicher Menschenrechte bei gleichzeitiger Freiheit der schrankenlosen Ausbeutung durch die Reichen, haben ihre Ursache nicht nur in dem diktatorischen Fujimori-Regime, sondern sind Folgen eines weltweiten Systems der kapitalistischen Ausbeutung. Deshalb kämpft die MRTA gegen das weltweite neoliberale Modell des Kapitalismus und tritt für ein Peru der sozialen Gerechtigkeit ein, das eine Bedingung für ein menschliches Leben in unserem Land ist. Dafür nutzt die MRTA alle Kampfformen, von der Bewußtseinsarbeit der Bevölkerung bis zu bewaffneten Aktionen.
Interview: Peter Nowak |