Interview mit Lars Rensmann in Neues Deutschland vom 13.10.00

Lars Rensmann, geb. 1970. ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politkwissenschaft der Freien Universität Berlin und Visiting Scholaram Department of History der University of California at Berkely. Er ist Autor von Büchern und Publikationen zum Themenbereich Antisemitismus und politische Theorie.

Nur Streit der Historiker?

Frage: Das Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (HIAT) in Dresden kommt nicht aus den Schlagzeilen. Der Vertrag des Direktors Klaus Dieter Henke wurde nicht verlängert. Vor wenigen Tagen traten 3 Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats zurück. Worum geht es bei der Auseinandersetzung?

Lars Rensmann L.R.: Hintergrund ist wohl der langfristige Versuch, das HIAT auf die Linie einer fragwürdigen, geschichtsrelativierenden Totalitarismustheorie im Sinne der sächsischen CDU und rechter Ideologen am Institut zu bringen. Das Kuratorium hat sich offenbar deshalb jetzt gegen Henke, dessen wissenschaftliche Kompetenz kaum zu bestreiten ist, entschieden, ohne den satzungsgemäß nötigen Rat des Beirates einzuholen. Es handelt sich deshalb wohl primär um einen politischen Konflikt, der wesentlich von dem sächsischen Kultusminister Matthias Rößler (CDU) ausgeht. Er hat offenbar kein Interesse an kritischer NS-Forschung, sondern will scheinbar die autoritäre DDR zum wirklich totalitären Staat aufblasen. Die künftigen Forschungsthemen sollen nun direkt den Wünschen des Landes-CDU-dominierten Kuratoriums folgen.

Frage: Was war der unmittelbare Anlass der Auseinandersetzung?

L.R.: Die Kontroverse explodierte bereits im November 1999 durch einen Artikel des Instituts-Mitarbeiters Lothar Fritze, ein Protegé des rechtsorientierten Uwe Backes, in der Frankfurter Rundschau. Fritze wirft dem Hitler-Attentäter Georg Elser "unmoralisches" Verhalten vor und hält sein ein Attentat 1938 für illegitim. Während sich der Institutsdirektor Klaus Dieter Henke gegen die Veröffentlichung dieses Textes ausgesprochen hatte, stellte sich der stellvertretende Direktor Uwe Backes, der einschlägig mit dem neurechten Historiker Rainer Zitelmann publizierte und sich gegen "moralische Anklagen gegenüber den NS-Akteuren" verwehrt, hinter Fritze.

Frage: Was ist das Ziel der sächsischen Landesregierung?

L.R..: Mit der Etablierung einer rechts ausgerichteten DDR-Forschung werden m.E. drei Ziele verfolgt. Durch die Gleichsetzung von NS und DDR soll der deutsche Faschismus entlastet, sollen die deutschen Verbrechen historisch relativiert werden. Mit einer allzu unbekümmert die historischen Unterschiede nivellierenden Variante der Totalitarismus-Theorie soll zudem eine durchweg affirmative staatliche Legitimationswissenschaft zur Bekämpfung verschiedener sog. "Totalitarismen" und "Extremismen" etabliert werden, wobei die Mitte - das deutsche Volk - per se und durchweg als demokratischer Akteur der Geschichte erscheint. Zum stigmatisierten "Extremisten" kann dann rückwirkend leichterdings selbst eine so honorige Persönlichkeit wie der ersten Hitler-Attentäter Elser werden. Ein konservatives Beiratsmitglied meinte gar, auch Direktor Henke selbst handele "wie Hitler". Da wird schnell alles mit jedem in einen Topf geworfen – dann werden aber die NS-Verbrechen bis zur Unkenntlichkeit relativiert.

Frage: Gibt es Proteste gegen diese Pläne der Landesregierung?

L.R.: Mehrere Mitglieder des Wissenschaftlichen Institutsbeirats sind aus Protest gegen die einseitige politische Ausrichtung des Instituts und die offensichtlich politisch motivierte Entlassung zurückgetreten. Der renommierte Holocaust-Historiker Saul Friedländer hatte schon eine Weile nach dem Fritze-Beitrag diese Konsequenz gezogen. In der Dresdner Bank scheint es Überlegungen zu geben, den Forschungsauftrag zur Geschichte der Bank in der NS-Zeit im Falle einer Entlassung Henkes zurückzuziehen.

Frage: Gibt es in den Schriften der Namensgeberin Hannah Arendt Stellen, auf die sich die Totalitarismustheoretiker stützen können?

L.R.: Tatsächlich hat Hannah Arendt eine Theorie der totalen Herrschaft entwickelt. Doch wenn sie in ihrem Buch "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" etwas grobschlächtige Vergleiche zwischen Stalinismus und NS zieht, liegt ihr doch jegliche Entlastung der Deutschen fern. Schließlich schrieb sie: "Das, was man gemeinhin unter Gewissen versteht, war in Deutschland so gut wie untergegangen", und noch das "andere Deutschland" sei meilenweit von der restlichen Zivilisation entfernt gewesen. Arendt war auch eine scharfe Kritikerin der mangelnden Aufarbeitung der NS-Zeit in Deutschland und derjenigen Geschcihtsrelativierungen, die heute zunehmend unter dem Emblem der Totalitarismusforschung hoffähig werden. Sie hat auch deutlich differenziert zwischen Stalinismus und post-stalinistischem Sowjetkommunismus, und hat das Infragestellen der Einzigartigkeit der Shoah als "große Gefahr" bezeichnet. Eine Gleichsetzung von Nationalsozialismus und DDR, die von manchen deutschen Totalitarismusforschern angestrebt wird, hielte sie für absurd. Dies spräche in der Tat dem Werk Hannah Arendts Hohn.

Frage: Wie wird die Zukunft des H.A.-Instituts nach Henkes Abgang aussehen.

L.R.: Es ist zu befürchten, wie die zurückgetretenen Beiratsmitglieder betonen, dass jetzt das H.A.-Institut endgültig eine CDU-kontrollierte Einrichtung wird. Ferner ist Uwe Backes, dessen Position mit Henkes Abgang gestärkt wird, ein exponierter Vertreter nationalkonservativer Ansätze in der Wissenschaft. Seit Jahren kämpft er gegen eine vermeintliche "Volkspädagogik" in der Wissenschaft, die auf die Verbechen des NS fixiert ist, und meinte jüngst, "man wird wohl auch die Frage nach der tatsächlichen Kapazität der Gaskammern beleuchten dürfen, um herauszubekommen, ob die Opferzahlen, die die Forschung bislang angibt, tatsächlich stimmen" (FR, 7.1.2000)

Interview: Peter Nowak

Welche Entwicklung nimmt das Hannah-Arendt-Institut in Dresden?

Frage: Das Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (HIAT) in Dresden kommt nicht aus den Schlagzeilen. Der Vertrag des Direktors Klaus Dieter Henke wurde nicht verlängert. Vor wenigen Tagen traten 3 Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats zurück. Worum geht es bei der Auseinandersetzung?

Lars Rensmann L.R.: Hintergrund ist wohl der langfristige Versuch, das HIAT auf die Linie einer fragwürdigen, geschichtsrelativierenden Totalitarismustheorie im Sinne der sächsischen CDU und rechter Ideologen am Insitut zu bringen. Das Kuratorium hat sich offenbar deshalb jetzt gegen Henke, dessen wissenschaftliche Kompetenz kaum zu bestreiten ist, entschieden, ohne den satzungsgemäß nötigen Rat des Beirates einzuholen. Es handelt sich dabei primär um einen politischen Konflikt, der wesentlich von dem sächsischen Kultusminister Matthias Rößler (CDU) ausgeht. Er hat offenbar kein Interesse an kritischer NS-Forschung, sondern will scheinbar die autoritäre DDR zum wirklich totalitären Staat aufblasen. Die künftigen Forschungsthemen sollen nun direkt den Wünschen des Landes-CDU-dominierten Kuratoriums folgen.

Frage: Was war der unmittelbare Anlass der Auseinandersetzung?

L.R.: Die Kontroverse explodierte bereits im November 1999 durch einen Artikel des Instituts-Mitarbeiters Lothar Fritze, eine Protegee des rechtsorientierten Uwe Backes, in der Frankfurter Rundschau. Fritze wirft dem Hitler-Attentäter Georg Elser "unmoralisches" Verhalten vor und hält sein ein Attentat 1938 für illegitim. Während sich der Institutsdirektor Klaus Dieter Henke gegen die Veröffentlichung dieses Textes ausgesprochen hatte, stellte sich der stellvertretende Direktor Uwe Backes, der einschlägig mit dem Geschichtsrevisionisten Rainer Zitelmann publizierte und sich gegen "moralische Anklagen gegenüber den NS-Akteuren" verwehrt, hinter Fritze.

Frage: Was ist das Ziel der sächsischen Landesregierung?

L.R..: Mit der Etablierung einer rechtsnational ausgerichteten DDR-Forschung werden m.E. drei Ziele verfolgt. Durch die plumpe Gleichstellung von NS und DDR soll der deutsche Faschismus entlastet, sollen die deutschen Verbrechen historisch relativiert werden. Mit einer alle historischen Unterschiede nivellierenden Variante der Totalitarismus-Theorie soll zudem eine durchweg affirmative staatliche Legitamationswissenschaft zur Bekämpfung verschiedener sog. "Extremismen" etabliert werden, wobei die Mitte - das deutsche Volk - per se als demokratischer Akteur der Geschichte erscheint. Drittens sollen so scheinbar alle gesellschaftspolitischen Alternativen mittels fragwürdiger wissenschaftspolitischer Ansätze diskreditiert werden, indem alles, was vom Status Quo abweicht, als totalitär disqualifiziert wird.

Das kann dann rückwirkend selbst eien so honorige Persönlichkeit wie den Hitler-Attentäter Elser treffen.

Frage: Gibt es Proteste gegen diese Pläne der Landesregierung?

L.R.: Mehrere des Wissenschaftlichen Institutsbeirats sind aus Protest gegen die einseitige politische Ausrichtung des Instituts und die politisch motivierte Entlassung Henkes zurückgetreten. Der renommierte Holocaust-Historiker Saul Friedländer hatte schon nach dem Fritze-Beitrag diese Konsequenz gezogen. Die Dresdner Bank scheint zu bedenken, den Forschungsauftrag zur Geschichte der Bank während des NS im Falle einer Entlassung Henkes zurückzuziehen.

Frage: Gibt es in den Schriften der Namensgeberin Hannah Arendt Stellen, auf die sich die Totalitarismustheoretiker stützen können?

L.R.: Tatsächlich hat Hannah Arendt eine Theorie der totalen Herrschaft entwickelt. Doch wenn sie in ihrem Buch "Ursprünge totalitärer Herrschaft" grobschlächtige Vergleiche zwischen Stalinismus und NS zieht, liegt ihr doch jegliche Entlastung der Deutschen fern. Schließlich schrieb sie: "Das, was man gemeinhin unter Gewissen versteht, war in Deutschland so gut wie untergegangen", und noch das "andere Deutschland" sei meilenweit von der restlichen Zivilisation entfernt gewesen. Arendt war eine scharfe Kritikerin der mangelnden Aufarbeitung der NS-Zeit in Deutschland. Sie hat auch deutlich differenziert zwischen Stalinismus und post-stalinistischem Sowjetkommunismus, und hat das Infragestellen der Einzigartigkeit der Shoah als "große Gefahr" bezeichnet. Eine Gleichsetzung von Nationalsozialismus und DDR, die von manchen deutschen Totalitarismusforschern angestrebt wird, hielte sie für absurd. Dies spräche dem Werk Hannah Arendts Hohn.

Frage: Wie wird die Zukunft des H.A.-Instituts nach Henkes Abgang aussehen.

L.R.: Es ist zu befürchten, wie die zurückgetretenen Beiratsmitglieder betonen, dass jetzt das H.A.-Institut endgültig eine CDU-kontrollierte Einrichtung wird. Ferner ist Uwe Backes, dessen Position mit Henkes Abgang gestärkt wird, ein exponierter Vertreter neurechter Ansätze in der Wissenschaft. Seit Jahren kämpft er gegen eine "volkspädagogische Gesinnung" in der Wissenschaft, die Auschwitz und die Verbrechen des NS in den Mittelpunkt der Forschung stellen will, und er stellt auch einmal bei Gelegenheit die Zahl der Opfer des Nationalsozialismus in Frage.

Interview: Peter Nowak

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