Kamellen gegen Nazis

Am Samstag demonstrierten 1.000 Menschen gegen die NPD-Zentrale in Köpenick. Antifa war unerwünscht

Fast wie ein verspäteter Karnevalszug wirkte der farbenfrohe Umzug, mit dem am vergangenen Samstag bei strahlendem Sonnenschein rund 1.000 Menschen mit Trommeln, selbstgebauten Drachen und Musikwagen durch den Ostberliner Bezirk Köpenick gezogen sind. Dieser Eindruck verstärkte sich noch, als lachende AnwohnerInnen Karamellbonbons in die Menge warfen. Nur ein Block mit den unvermeidlichen Linksruck-Plakaten ließ erahnen, dass es bei dem bunten Event auch um Politik ging.

Tatsächlich protestierten verschiedene Jugendeinrichtungen des Bezirks gegen die Bundeszentrale der NPD, die in Köpenick demnächst ihr Domizil errichten will.

In der Vergangenheit hat es schon mehrere antifaschistische Demonstrationen dagegen gegeben. Damit wollten die VeranstalterInnen, die unter dem Motto "Bunt statt Braun" angetreten waren, allerdings nicht in Verbindung gebracht werden.

Weil die "Bunten" befürchteten, dass "ein von Außen aufgedrückter autonomer Antifablock" die Anwohner abschrecken könnt, musste die Antifaschistische Aktion Berlin (AAB) auf Intervention der OrganisatorInnen den Terminhinweis auf die Köpenicker Aktion von ihren Internetseiten löschen. "Wir wollen Extremisten jeglicher Couleur eine Absage erteilen", erklärte ein Redner auf der kurzen Abschlußkundgebung in Sichtweite der zukünftigen NPD-Bundeszentrale.

Als Zeichen ihrer Verachtung sollten die AktivistInnen dem Haus den Rücken zu kehren. Als der Redner dann allerdings noch einem gesunden Nationalbewusstsein, das die selbstkritische Reflexion der in der Vergangenheit gemachten Fehler einschließe, das Wort redete, kehrten viele jüngere TeilnehmerInnen der ganzen Veranstaltung vorzeitig den Rücken zu.

Während des Umzugs waren nur am Rande einige Neonazis zu sehen. Dafür hatten sie schon in der Nacht zuvor ihre Botschaft an die Demonstranten unübersehbar am Denkmal für die Opfer des Köpenicker Blutsonntags hinterlassen.

Am 21. Juni 1933 und in den folgenden Tagen waren in dem Bezirk über Hundert Mitglieder von SPD, KPD und Gewerkschaften von SA und SS verhaftet, schwer misshandelt und ermordet worden waren. In großer Schrift prangte nun gestern auf dem Denkmal für die Opfer des Blutsonntags die Parole: "Nach 33 hätten wir Euch und die Anhänger der Roten Fahne fertiggemacht."
PETER NOWAK

taz Berlin lokal Nr. 6097 vom 20.3.2000

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