junge Welt 17.10.2000

Kitsch oder Gedenken?
Berlin: Kritik an Denkmal für »Euthanasie«-Opfer. Erinnerung an
Eigensinn Behinderter gefordert
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Mehr als zehn Jahre stand die Figur im Garten der Weissenseer
Bildhauerin Franziska Schwarzbach. Am Wochenende wurde sie auf dem
Gelände des Klinikums Buch bei Berlin aufgestellt und soll an die
dortigen Opfer der Hirnforschung zwischen 1939 und 1945 erinnern. In
den achtziger Jahren wurden auf dem Gelände des Klinikums die
Überreste von fast 3 000 bei den Versuchen umgekommenen
»Euthanasie«-Opfern gefunden. Durch einen Zeitungsartikel wurde
Franziska Schwarzbach darauf aufmerksam.

Ursprünglich wollte sie das Porträt eines Wissenschaftlers des
Klinikums modellieren. »Doch nach dem Artikel beschloß ich, meine
Arbeit den Opfern der Wissenschaft zu widmen«, berichtete die
Künstlerin über den Beginn einer wahren Odyssee durch den
Behördendschungel. Sie hat sie in mehreren Ordnern dokumentiert. »Wir
bedauern, daß die Zweckbestimmung unserer Gelder eine Förderung Ihres
Projektes nicht zuläßt«; diese Antwort bekam die Bildhauerin auf ihre
Eingaben sowohl vom Kunstfonds in Bonn als auch vom Abgeordnetenhaus
Berlin und der Stiftung der Deutschen Klassenlotterie.

Daß das Denkmal jetzt so schnell errichtet wurde, ist nach Meinung des
Landesverbands »Psychiatrie-Erfahrener Berlin- Brandenburg e.V.«, der
sich seit langem für ein Denkmal für Euthanasieopfer in Berlin
einsetzt, kein Zufall. Flugblätter mit der Überschrift »Peinlicher
Kitsch« verteilten dessen Mitglieder am Samstag während der Einweihung
in Buch, in denen sie ihre Kritik an dem Denkmal formulierten. Es
schreibe die Opferrolle der Behinderten fest. Das machen sie schon am
Titel »In Ehrfurcht vor dem Schwächeren« fest. Außerdem zeigt die
Figur das Antlitz eines leidenden Menschen. Die Psychiatrieerfahrenen
hatten bereits im Mai einen eigenen Denkmalsentwurf vorgestellt. Der
israelische Bildhauer Igael Tumarkin hat es unter dem Titel
»Kastrierungsgedanken kommen mit Engelmusik« aus zwei Büsten des
»Euthanasie«-Befürworters Karl Bonhoeffer erarbeitet. Weil diese
Büsten unter bisher ungeklärten Umständen vor etwa zwei Jahren aus
Berlin verschwunden waren, wurden die daraus erarbeiteten Kunstwerke
Ende Mai bei der Vernissage vom Staatsschutz beschlagnahmt (jW
berichtete).

»Wir forderten Frau Schwarzbach auf, ihr Denkmal solange
zurückzuziehen, bis unser Gegenentwurf wieder freigegeben ist. Doch
wir erhielten nicht einmal eine Antwort«, erklärte René Talbot von den
Psychiatrieerfahrenen. Er befürchtet, daß mit der Einweihung des
Denkmals in Buch eine Ehrung der »Euthanasie«-Opfer aus Berlins
Innenstadt ferngehalten werden soll. Doch sein Verband halte weiter an
einer Ehrung in Berlins Mitte fest, betonte er. Die bisher in
Tiergarten zur Erinnerung an die »Euthanasie«-Opfer eingelassene
Bronzeplatte, die am Sonntag geschändet wurde, hält Talbot nicht für
ausreichend: »In der Tiergartenstraße, da wo die >Euthanasie<-Morde -
die sogenannte Aktion T4 - geplant wurde, soll mit dem Museum des
Eigensinns der Opfer gedacht werden.« Eine Antwort des Senats steht
noch aus.

Peter Nowak

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