konkret 10/00 Volkes Stimme

Bei allem Verständnis für die Ehrung "ehemaliger Bürger jüdischen Glaubens" sei es ein "Affront", eine Strasse in Berlin nach einen "Zigarettenfabrikanten, der ausschließlich profitorientiert" gehandelt hat, benennen zu wollen. Im Namen von "zwei Drittel aller Bürger" machte der Nichtraucherbund Berlin e.V. mit Sitz im ehemals bürgerbewegten "Haus der Demokratie" mobil gegen den Plan, eine Strasse im Berliner Stadtteil Pankow nach Josef Garbáty zu benennen. Dabei hatte es sich die Kommission Bürgerarbeit Pankow so schön ausgedacht. Wenn schon die faschistischen Republikaner ihre Bundeszentrale ausgerechnet in eine Villa verlegen, die 1938 von den Nazis zwangsenteignet worden war, soll wenigstens die daran vorbeiführende Strasse nach dem jüdischen Industriellen benannt werden, dem sie bis dahin gehörte. Da die Kiezaktivisten schon ahnten, dass es nicht ausreichen würde, ein von den Nazis verfolgter Jude zu sein, um bei der Strassenbenennung berücksichtigt zu werden, versuchten sie ihren Vorschlag mit weiteren Details aus dem Leben des ausgewählten Namensgebers zu untermauern. So wurde auf einer Bürgerversammlung Garbátys soziales Engagement gelobt und an die vielen Werkswohnungen und noch mehr Arbeitsplätze erinnert, die er geschaffen hatte. Trotzdem liefen viele Pankower dagegen Sturm, eine zentrale Strasse ihres Stadtteils nach ihm zu benennen. Am Rande des Bezirks gebe es noch einige kleine Strassen ohne Namen. Davon könne man eine nach Garbáty benennen, schlugen sie auf der Bürgerversammlung vor. Zuvor hatten die braven Bürger für einen Eklat gesorgt, als sie mit dem Satz "Wir sind nicht gekommen, um diese Geschichten zu hören", die Historikerin Ilse Lammel rüde unterbrachen, als sie über das Schicksal der über 500 von den Nazis ermordeten Pankower Juden berichtete.

Mit der Entscheidung statt der Berliner Strasse, den gerade renovierten unbewohnten Pankower Bahnhofsvorplatz nach Garbáty zu benennen, hofften die Bezirkspolitiker, weitere Proteste zu verhindern. Doch sie haben nicht mit den Nichtraucherbund gerechnet, der sich als Volkes Stimme gerierte. Es wäre interessant zu erfahren, welche Namen der Verband preferiert. Mit Adolf Hitler zumindest dürfte er keine Probleme geben. Der war ja bekanntlich überzeugter Nichtraucher.

Peter Nowak

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