Allgemeine Jüdische Wochenzeitung 21/00 vom 12.10.00 Unerwünschte Namensänderung

In Berlin ist es nicht selbstverständlich, Straßen auch nach Juden zu benennen

Von der Schwierigkeit, Strassen in Berlin nach von den Nazis vertriebenen oder ermordeten jüdischen Menschen zu benennen.

"Den Garbáty-Platz gibt es hier nicht!" So wie die Verkäuferin am S-Bahnhof-Pankow reagierten viele. Dabei hat der neugestaltete Bahnhofsvorplatz seit Mitte September genau diesen Namen. "Josef Garbáty, sozial engagierter Fabrikant", ist kurz und knapp auf dem Strassenschild zu lesen. Kein Wort davon, dass die Garbátys in den 20 er Jahren in Pankow bekannte jüdische Bürger waren. Kein Wort auch davon, dass während Josef Garbáty hochbetagt 1939 in seiner Pankower Villa starb, seine Verwandten in die USA fliehen mußten. Für die Ausreisepapiere und die Zusicherung, den Senior wenigsten in Ruhe sterben zu lassen, hatte ihnen der berüchtigte Berliner Nazi-Polizeipräsident Graf Helldorf eine Million Reichsmark abgeknöpft. Kein Wort auch über die mehr als 500 Pankower Juden, darunter auch Angehörige der Garbáty-Familie, die von den Nazis ermordete wurden. In Pankow will man nachdem endlich ein Platz für Garbáty gefunden wurde, möglichst schnell zur Tagesordnung übergehen.

Schließlich stand die Idee für die Garbáty-Ehrung schon 1992 auf der Agenda des Pankower Bezirksparlaments und sorgte jahrelang für Schlagzeilen. Richtig hoch schlugen die Wogen, als im letzten Jahr die Mitglieder der "Kommission Bürgerarbeit Pankow" die zentrale Berliner Strasse nach Garbáty umbenennen wollte. Anlass für den Vorschlag war die Etablierung der Bundeszentrale der rechtsextremen Republikaner ausgerechnet in einem Teil des 1938 von den Nazis zwangsenteigneten Garbáty-Anwesens.

Auf einer Bürgerversammlung im letzten Sommer machten Anwohner mit dem Verweis auf die zusätzlichen Kosten für neue Visitenkarten und Stempel geschlossen gegen die Umbenennung Front. Nur notdürftig kaschiert schimmerte aus vielen der Wortmeldungen der Widerwille durch, dass eine zentrale Pankower Strasse nach einem Juden benannt werden soll. "Es gibt genügend deutsche Fabrikanten, die sich um Pankow verdient gemacht haben"; meinte eine ältere Frau unwidersprochen. Heftigen Applaus bekam ein Geschäftsmann für seinen Vorschlag. "Es gibt doch noch genügend kleine Strassen ohne Namen am Rande von Pankow. Davon kann doch eine nach Garbáty benannt werden." Der nun gefundene Ort liegt zwar zentral. Trotzdem hat der Korrespondent der Frankfurter Rundschau (FR) Recht, wenn er von einem "schmalbrüstigen Platz" ohne Bezug zur Geschichte der Pankower Juden schreibt.

Vor einigen Wochen mischte sich der Nichtraucherbundes Berlin e.V. mit kruden Argumenten in die Diskussion um den Strassennamen. Bei allem Verständnis für die Ehrung "ehemaliger Bürger jüdischen Glaubens", sei es "ein Affront gegen zwei Drittel der Bevölkerung" eine Strasse in Berlin nach einem "Zigarettenfabrikanten, der ausschließlich profitorientiert" gehandelt habe, benennen zu wollen, hieß es in deren Presseerklärung. Eine Position, die nicht nur der Vorsitzende des Kulturausschuss der BVV-Pankow Rainer Eigendorff (PDS) in die Nähe der von Rechten vertretenen Agitation von den "jüdischen Suchtmittelfabrikanten" rückte, die häufiger in Pankow zu hören war.

Doch bei den Gezerre um den Namen handelt es nicht etwa um eine Pankower Provinzposse. Immer wieder gab es in den letzten Jahren Gegenwehr, wenn eine Strasse in Berlin nach jüdischen Naziopfern benannt werden soll

So versuchte in die CDU 1996 per Bürgerentscheid zu verhindern, dass der Rathausvorplatz des Westberliner Bezirks Tiergarten nach der in Theresienstadt umgekommenen jüdischen Sozialistin und engen Mitarbeiterin von Rosa Luxemburg Mathilde Jacob benannt wird. Wegen mangelnden Interesse der Bewohner scheiterte der konservative Vorstoss allerdings.

Im Stadtteil Charlottenburg gelang es einer Initiative erst nach jahrelangen Auseinandersetzungen, eine Strasse am ehemaligen Olympiagelände nach den ebenfalls in Theresienstadt umgekommenen jüdischen Sportlern Gustav-Felix Flatow und Alfred Flatow zu benennen. Auch hier war es die CDU, die gemeinsam mit einem rechten Bürgerbund gegen die Umbenennung mobilisierte. Nach ihren Willen hätte die Strasse weiterhin den Namen behalten sollen, der ihr von Adolf Hitler 1936 persönlich gegeben wurde: Reichssportfeldstrasse.

Im benachbarten Wilmersdorf hatte der konservative Druck Erfolg. Dort sollte eine kleine Strasse nach dem jüdischen Philosophen Walter Benjamin benannt werden. So hatte es die Bezirksvertretung 1994 mit den Stimmen von SPD und Grünen beschlossen. Zwei Jahre später, nachdem die CDU die Mehrheit im Bezirksparlament erhalten hatte, wurde der Beschluss wieder rückgängig gemacht. So heißt die Strasse bis heute Seebergsteig und erinnert an einen Theologen, der in den 20er Jahren mit nationalistischen Romanen von sich reden machte und noch kurz vor seinem Tod 1934 ein Bekenntnis zu den nazifreundlichen ‘Deutschen Christen’ abgelegt hatte.

Kein Einzelfall. Schon 1988 schrieb der Mitarbeiter der Berliner Geschichtswerkstatt Jürgen Karwelat in einem Beitrag der tageszeitung (taz): "In Berlin, wie nirgendwo sonst in Deutschland, finden sich bis heute im Strassenbild so viele Elemente ruhmloser deutscher Vergangenheit: Militarismus, Kolonialismus, Antisemitismus." Auch nach über einem Jahrzehnt hat sich an diesen Befund nicht viel geändert.

Peter Nowak

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