|
Artikel aus junge Welt vom 21.7.2000
Widerstand im Narmada-Tal Mit Gandhi und Mao gegen Weltbank und Siemens. Staudammprojekt in Indien macht rund eine Million Menschen obdachlos. Von Peter Nowak _________________________________________________________________
»Wenn das Wasser höher und höher steigt, kommt noch ein Boot, um diejenigen wegzubringen, die Angst bekommen. Doch niemand steigt ein. Die Menschen machen alle einen ruhigen und entschlossenen Eindruck.« Anitha Shavary gerät beinahe ins Schwärmen, wenn sie vom Leben in den Widerstandsdörfern im Narmada-Tal - sechs Autobusstunden nördlich der indischen Metropole Bombay - erzählt. Mit ihrem Freund Jacob Vadakenchery hat die junge Inderin eine 35stündige Zugreise von ihrer südindischen Heimatprovinz Kerala auf sich genommen, um sich an den Protesten im Narmada-Tal zu beteiligen. Die beiden jungen Inder gehören zu der immer größer werdenden Zahl von Menschen auf dem Subkontinent, die sich gegen das ambitionierte Staudammprojekt wehren. Der Widerstand hat sogar noch zugenommen, seit Ende der 80er Jahre die ersten Staudämme in Betrieb genommen worden sind.
Auf einer Länge von über 50 Kilometer ist das Wasser schon gestaut. 150 Dörfer sind in den Fluten verschwunden. 30 Großdämme aber sind geplant. Millionen Menschen müssen ihre Dörfer verlassen. Dennoch sind viele in provisorische Behausungen an den Fluß zurückgekehrt und haben das Heer der Widerständler vermehrt. Denn das von der Regierung zugesagte Umsiedlungsland war in der Regel so unfruchtbar, daß die auf die Ernte angewiesenen Bauernfamilien hungerten. Auch die uralten Siedlungsgebiete der Bhils drohen jetzt in dem Wasser des Flusses begraben zu werden. Ihre Riten passen die Bewohner der aktuellen Situation an. In den alljährlichen Holi-Feiern wird neben den Sorgen des alten Jahres jetzt auch ein Damm aus Pappmaché verbrannt. Doch so einfach ist dem realen Staudammprojekt nicht beizukommen.
Graswurzelbewegung
Für die indische Graswurzelbewegung hat der Staudamm heute eine ähnliche Bedeutung wie Gorleben und Wackersdorf für die bundesrepublikanische Anti-AKW-Bewegung Ende der 80er Jahre. Für die sich nach der großen Chemiekatastrophe von Bhopal im Jahre 1984 auf dem indischen Subkontinent ausbreitenden Initiativen ist Narmada zum landesweiten Kristallisationspunkt geworden.
Die meisten Gruppen sind sonst nur regional aktiv. Da verhindern im südindischen Bundesstaat Kerala Bauern mit einer Bauplatzbesetzung die Errichtung einer Hotelanlage, mit der die Provinzregierung den Tourismus ankurbeln will. An einer anderen Stelle harrt ein ganzes Dorf seit Monaten in Baumhäusern aus, um zu verhindern, daß ein Waldstück einem Industrieprojekt weichen muß. In Südindien blockieren Fischer immer wieder die Zugänge zu einer Papierfabrik, weil deren Abwasser den Fluß in eine Kloake verwandelte, in der kein Fisch mehr leben kann.
Die meisten Initiativen berufen sich auf den Mann, nach dem nahezu jede, auch die kleinste indische Stadt ihre Hauptstraße benannt hat und dessen Statuen in keinem Stadtzentrum fehlen: auf den Staatsgründer Mahatma Gandhi. »Die Parteien führen zwar den Namen Gandhis ständig im Mund, aber schon sein Nachfolger Nehru wollte von seinen Ideen in der Praxis nichts mehr wissen, meint Veena Surana, ein Kampfgefährte Gandhis in der Unabhängigkeitsbewegung. Er war längere Zeit Mitglied der Kommunistischen Partei, bevor er sich Anfang der 80er Jahre der Karnataka Rayka Ryota Sangha (KRRS), der Vereinigung der Bauern der Provinz Karnataka, anschloß. Die 1981 von wenigen Leuten gegründete Organisation zählt heute zehn Millionen Mitglieder. In Europa wurde sie einer größeren Öffentlichkeit bekannt, als sie im Sommer 1999 federführend die InterContinental Caravan (ICC) mitorganisierte.
Ziviler Ungehorsam
500 Aktivisten überwiegend aus Indien, aber auch aus Nepal, Brasilien, Argentinien und Nikaragua tourten durch Westeuropa, um über die Folgen der kapitalistischen Weltordnung für den Großteil der Bevölkerung ihrer Länder zu informieren und sich an den Protesten gegen das Weltbanktreffen in Köln zu beteiligen. Sie wollten damit den Menschen hier die zerstörerischen Auswirkungen der kapitalistischen Politik vor Augen führen und über den von den Kleinbauern getragenen Widerstand informieren.
Mit ihren Aktionen des zivilen Ungehorsams kämpft die KRRS gegen Saatgutkonzerne ebenso wie gegen lokale Schnapshändler. Ganz in der Tradition von Gandhi setzt die KRRS auf Gesetzesübertretungen und zivilen Ungehorsam. Während die Gefährdung von Personen grundsätzlich abgelehnt wird, gehört Gewalt gegen Sachen durchaus zum Repertoire der Aktivisten. Schon öfter wurden Filialen des Saatgutkonzerns Monsanto demoliert und Versuchsfelder mit genmanipulierten Pflanzen zerstört. Auch McDonald's-Filialen und Likörshops gehören zu den anschlagsrelevanten Zielen. Die KRRS-Frauen brechen häufig die Läden auf und verschütten sämtlichen Alkohol. Damit soll verhindert werden, daß die Männer ihre Rupien in Alkohol anlegen und in betrunkenem Zustand ihre Familien terrorisieren.
Hinzu kommt ein ethischer Grund. In Gandhis Vorstellung einer einfachen Lebensführung steht der Verzicht auf Drogen jeglicher Art an erster Stelle. In einigen Provinzen läßt sich mittlerweile kein Alkoholhändler mehr blicken. Doch die Aktionen der KRRS-Frauen lassen sich nicht auf Anti- Alkohol-Kampagnen reduzieren. Seit Jahren mobilisieren KRRS-Frauengruppen gegen die frauenverachtende Tradition des Brautgelds und die alljährlich stattfindende Wahl der Miss Universum. »Wir protestieren damit gegen ein Frauenbild, das uns vom Westen oktroyiert werden soll«, meint die Frauenaktivistin Paanalal Shugur. Mit den Vorstellungen westlicher Feministinnen können die KRRS-Frauen allerdings wenig anfangen. Der Kampf gegen den ausländischen Einfluß, der sich für sie in multinationalen Konzernen, Importen aber auch in westlicher Kultur manifestiert, ist ein einigendes Band der indischen Graswurzelbewegung.
Selbst das maoistische All India Peoples Resistance Forum (AIPRF) bezieht sich positiv auf Gandhi. Seine Mitglieder unterstützen arme Bauern bei Landbesetzungen gegen die Großgrundbesitzer und die Dalits im Kampf gegen das indische Kastensystem. Die Dalits werden oft die Unberührbaren genannt, eine Bezeichnung, die sie als diskriminierend vehement ablehnen. Der Staat reagiert auf die Kämpfe der Dalits und des AIPRF mit offener Repression. Bei Landbesetzungen gibt es immer wieder Tote. Zahlreiche politische Aktivisten sind spurlos verschwunden.
So verschieden die Graswurzelbewegungen auch sind, in einem Punkt sind sie sich einig: Von Veränderungen durch Wahlen erhoffen sie sich nichts. Narmada ist für sie ein Beispiel. »Egal ob Kongreßpartei oder BJP regiert, beide Parteien wollen das Dammprojekt ohne Rücksicht auf die Bevölkerung durchsetzen«, so Anitha Shavarys Kommentar.
Auch Prominente, wie die indische Schriftstellerin Arundhati Roy, haben sich in die Widerstandsschar eingereiht. Sie tragen zur Popularisierung der Bewegung im intellektuellen Milieu der Metropolen bei, wo der bäuerliche Widerstand anfangs eher belächelt wurde. In ganz Indien machen sich jeweils Ende Februar, Anfang März Mitstreiter auf den Weg ins Narmadatal. Höhepunkt der Proteste ist alljährlich der 14. März, der von der Protestbewegung zum internationalen Widerstandstag gegen den Dammbau erklärt wurde. Auch Aktivisten aus anderen Teilen der Welt finden sich an diesem Tag am Narmada ein, die Auseinandersetzungen haben internationales Gewicht bekommen.
Ende August 1999 haben sich eine Woche lang rund 150 Menschen aus aller Welt auf Einladung der KRRS in einem Kulturzentrum in der südindischen Provinz Karnataka zur zweiten Konferenz von »Peoples Global Action (PGA) getroffen, um ein internationales Widerstandsnetz gegen den »globalisierten Kapitalismus« und seine Welthandelsorganisation (WTO) fester zu knüpfen. In dem Netzwerk sind indigene Gruppen, Frauen- und Landarbeiterorganisationen und auch einzelne Gewerkschaften vertreten. PGA steht in Frontstellung sowohl zur traditionellen westlichen Linken wie zur Lobbyarbeit der Nichtregierungsorganisationen (NGO). Von diesem losen Netzwerk sind im wesentlichen auch die Proteste gegen das WTO-Treffen in Seattle im November vergangenen Jahres organisiert worden. Mit Erfolg. Viele PGA-Aktivisten solidarisieren sich mit dem Widerstand gegen das Staudammprojekt. Aber sie sind nicht die ersten, die sich damit befassen.
Weltbank zog sich zurück
Schon Anfang der 90er Jahre sorgte das Projekt weltweit für Diskussionen über Sinn und Unsinn weiterer Großdämme und deren Finanzierung durch Entwicklungsfonds. Ein internationales Bündnis von Nichtregierungsorganisationen hatte damals den Protest der indischen Dorfbewohner an die Öffentlichkeit getragen und auf internationaler Ebene einen Erfolg verbucht. Die Weltbank zog sich aus der Finanzierung des Projekts zurück. Das NGO-Bündnis fiel auseinander, aber die indische Regierung setzte das Dammprojekt nun in Eigenregie fort. Ausländischen Druck brauchten sie nicht mehr zu fürchten, dachten sich die Verantwortlichen. Doch dieses Kalkül hat Rhava Shinvana durchkreuzt. In einem kleinen Büro in einem Vorort von Bombay koordiniert der Mitarbeiter der »Weltorganisation gegen Dämme« die Proteste gegen das Narmada-Projekt. Zahlreiche Plakate an seinen Wänden dokumentieren die starke Präsenz von religiösen und esoterischen Einflüssen auf die Protestbewegung. Da werden die »unberührte Natur« und die »heilige Mutter Erde« beschworen. Andere wollen das Tal schützen, weil es zu den heiligen Pilgerstätten gehört und als Tochter des Gottes Schiwa verehrt wird.
Siemens mischt weiter mit
Auch gegen Siemens gerichtete Parolen tauchen auf den Plakaten auf. Der Konzern ist seit Jahren im Visier der indischen Staudammkämpfer. Im Herbst 1999 produzierte ein Künstlerkollektiv aus Neu Delhi unter dem Titel »Maheshwar- Report« ein Video über den Widerstand gegen das Staudammprojekt und schickte es an den Siemens-Vorstand. Dort wird ebenso wie in den Berliner Ministerien ein Wörtchen mitgeredet, wenn es um die Zukunft des Narmada- Projekts geht. Demnächst muß nämlich die rot-grüne Regierung, die sich im Koalitionsvertrag ökologische und soziale Prinzipien auf die Fahnen geschrieben hatte, über Hermes-Garantien für einen Exportkredit der bayerischen Hypo-Vereinsbank von mindestens 247 Millionen DM entscheiden. Damit sollen unter anderem Lieferungen von Turbinen und Generatoren durch den Siemenskonzern abgesichert werden, die für den Maheshwar-Staudamm, ein weiteres Teilstück des Narmada-Projekts, bestimmt sind.
Von dem Widerstand vor Ort wußten die Siemens- Manager von Anfang an. Schließlich sind sie erst in das Projekt eingestiegen, nachdem ein nordamerikanisches Konsortium wegen der Proteste kalte Füße bekam und sich zurückgezogen hatte. Seitdem versorgt die indische Opposition Siemens ständig mit Informationen über die Stärke des Widerstands und die Folgen, die der Staudamm für die dort ansässige, dort arbeitende und lebende Bevölkerung bringt. Delegationen von indischen Landarbeiterorganisationen haben in der Konzernzentrale mehrfach vorgesprochen. Doch die Manager geben sich unbeeindruckt. »Die gehen doch hinter die Bäume«, wird Siemens-Sprecher Derbacher in der »Frankfurter Rundschau« zitiert.
Doch Medha Patkar, die zentrale Figur des Narmada- Widerstands, hat den Optimismus nicht verloren. Erst im Februar tourte sie in Sachen Staudamm wieder durch Europa. Diesmal hat sie einige hoffnungsvolle Neuigkeiten zu vermelden. So ist die in das Projekt involvierte Regierung des indischen Bundesstaates Madhya Pradesh mittlerweile auf vorsichtige Distanz zu den Staudammplänen gegangen. Auch auf internationaler Ebene haben die Proteste in den letzten Monaten Wirkung gezeigt. So haben sich das Bayernwerk und die Vereinigten Elektrizitätswerke (VEW), die ursprünglich 49 Prozent an der am Staudammprojekt beteiligten Betreiberfirma halten sollten, nach der öffentlichen Diskussion zurückgezogen.
Bayernwerk-Projektleiter Jörn Eric Mantz gibt die fehlende Sozialverträglichkeit des Projekts als Grund an. »Urgewald«, eine in Umweltfragen engagierte NGO, sieht Anzeichen, daß die Bundesregierung das Projekt nicht mehr mit Hermeskrediten unterstützten wird. Kürzlich legte das Bundesentwicklungshilfeministerium ein Gutachten vor, das die Kritiker in allen wesentlichen Punkten bestätigt. Es stellt fest, daß das Projekt die Umsiedlungsvorgaben des Bundesstaats Madhya Pradesh und des indischen Umweltministeriums aufs gröbste mißachtet. Ein weiterer zentraler Kritikpunkt der Gutachter lautet, die Betreiber seien seit nunmehr sechs Jahren nicht in der Lage, der betroffenen Bevölkerung neues Agrarland zur Verfügung zu stellen. Der Befund ist das Ergebnis einer Visite mehrerer Beamter des Ministeriums vor Ort.
Im Wasser bis zum Hals
Bisher wurden die Hermesbürgschaften auf der Grundlage von Berichten der Staudammbetreiber und des deutschen Botschafters in Indien genehmigt. Daß jetzt auch die betroffenen Bewohner gehört werden, hält »Urgewald« für einen großen Fortschritt. Doch daß die deutsche Hermesbürgschaft gestrichen wird, ist nicht sicher. Darum hat die NGO eine Telegramm- und Faxkampagne an die Entscheidungsträger gestartet.
Sollten die Bürgschaften zu Fall gebracht werden, ist das Projekt keineswegs erledigt. Die indische Regierung gibt sich von den Protesten, die sie als ideologisch motiviert bezeichnet, unbeeindruckt und will das Staudammprojekt in den gegenwärtigen Dimensionen unter allen Umständen durchziehen. Aber bei Worten bleibt es nicht. Der Polizeiapparat in der Staudamm-Region wurde in den letzten Jahren ausgebaut. Immer wieder werden Widerstandsdörfer am Flußufer geräumt, häufig werden Hunderte Demonstranten festgenommen.
Doch die Bewohner der improvisierten Widerstandsdörfer lassen sich nicht beeindrucken. Sie sind zum Äußersten entschlossen. »Wenn der Dammbau fortgesetzt wird, sind wir bereit, unser Leben zu opfern. Unsere persönliche Lebensplanung ist unmittelbar mit dem Stopp des Staudamms verknüpft«, erklärt Medha Patkar. Die indische Regierung weiß, daß das keine leeren Worte sind. Schon mehrmals griff die Polizei ein und rettete Demonstranten, denen das Wasser bis zum Hals stand, in letzter Minute aus den eingeschlossenen Hütten. »Wenn es sein muß, ertrinken wir«, sagen die Dorfbewohner. Die nächste Regenzeit steht jetzt bevor. |