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junge Welt 12.09.2000
Wem gehört der Helmholtzplatz? Berliner Sozialstadträtin: Polizeistreifen gegen Sozialhilfeempfänger _________________________________________________________________
Drei Menschen sitzen auf einer Bank, daneben hockt ein Hund. Das Bild auf der Titelseite der Kiezpublikation Helm+Holz erinnert an ein Kiezidyll im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg und wurde doch zum Stein des Anstoßes. So gehörte es auch zu den kritischen Punkten in einem vierseitigen Brief, den die Bezirksstadträtin für Gesundheit, Soziales und Wirtschaft, Ines Saager (CDU), kürzlich an die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Platzhauses geschrieben hat. Dieser Pavillon auf dem Helmholtzplatz ist seit Mitte Juni geöffnet und soll nach dem Willen der Mitarbeiter ein Kieztreffpunkt sein. »Wir schließen niemand aus, egal ob Oma, Mutter mit Kind oder Punk«, so ihr Grundsatz.
Doch in dem Schreiben der Bezirksstadträtin wird die bisherige Arbeit des Platzhauses einer Generalkritik unterzogen. Die Mitarbeiter würden es an Distanz gegenüber Punks, Obdachlosen und sozial schwachen Platznutzern fehlen lassen und die Interessen der »normalen Bürger« und der Wirtschaft vernachlässigen.
Als Beweis muß neben der Titelseite der Kiezzeitung auch eine im Platzhaus präsentierte Fotoausstellung herhalten, in der sozial Schwache zu sehen sind. Die Themenauswahl der Kiezzeitung mißfällt der Senatorin. »Für wen berichten Sie eigentlich«, kommentierte sie ein Porträt über einen jungen Punk vom Helmholtzplatz, der seinem Leben kürzlich mit einer Überdosis Heroin ein Ende setzte. Einen Artikel über rechte Umtriebe am Helmholtzplatz nahm die CDU-Politikerin zum Anlaß, ihre Meinung zu Flüchtlingen zum besten zu geben: »Seit Jahren würgen wir eine sachliche Diskussion zur Integration, zur Einwanderung und zu Leistungen des Asylrechts und des BSHG für ausländische Mitbürger ab. Folge: Fehlinterpretation an Stammtischen und in Familien.« Fazit der Senatorin: »Weder Ausstellung noch Nutzung noch Zeitung lassen mich zur Zeit erkennen, daß es um die Bewohner im Kiez geht, eher um ein bestimmtes Klientel, dem man, statt Grenzen zu setzen, Türen öffnet.«
Saager machte auch klar, was auf dem Helmholtzplatz künftig geschehen soll: mehr Polizeistreifen, Beseitigung von »Säuferecken«, null Toleranz bei der Durchsetzung der Drogenbestimmungen. Seit Anfang dieses Jahres gehört die Gegend um den Helmholtzplatz zu den 13 sogenannten gefährlichen Orten Berlins, was der Polizei härteres Zugreifen gestattet.
Schon seit Jahren wird der Helmholtzplatz als Schreckgespenst eines noch nicht staatlich befriedeten Kiezes herangezogen. Hier sitzen Sozialhilfeempfänger, trinken ihr Bier. Von vielen anderen Plätzen des Prenzlauer Berges wurden sie schon vertrieben. Daß es ihnen jetzt auch am Helmholtzplatz an den Kragen gehen sollen, hängt mit der Umstrukturierung zusammen, die auch vor dem Helmholtz- Kiez nicht haltmacht. So wächst die Zahl teurer Restaurants in der Gegend. Eine Entwicklung, die die Sozialsenatorin begrüßt. Sie mahnt ausdrücklich an, vom Feindbild »Nobelkneipe« wegzukommen.
»Saager und die hinter ihr stehenden Kreise wünschen sich einen zweiten Kollwitzplatz im Helmholtz-Kiez. Auf jeder freien Fläche einen Restauranttisch, aber Polizeieinsatz gegen Leute, die ihr Bier bei Spar kaufen«, befürchtet ein Kiezbewohner. Die Platzhausmitarbeiter wollen sich allerdings nicht in das Law-and- Order-Konzept der Senatorin einspannen lassen. Sie wollen den Saager-Brief in der nächsten Ausgabe der Helm + Holz veröffentlichen und planen eine Podiumsdiskussion mit allen Platznutzern und der Senatorin. Doch die Fronten sind verhärtet, nachdem Saager bei einem Treffen der Sozial-AG eine vorübergehende Schließung des vom Bezirk finanzierten Platzhauses androhte.
Peter Nowak |