taz Hamburg 21.10.2000Revolutionäre Volksmusik

Explizit politische Inhalte, in Folk verpackt: Das türkische Projekt "Grup Yorum" im Alevitischen Kulturverein

Auch im türkischen Fernsehen wurden die Bilder vom Umsturz in Belgrad immer wieder eingespielt. Unterlegt waren sie mit den Klängen eines Revolutionsliedes. Der Name der Band brauchte gar nicht angesagt werden. Zumindest in der türkischen Jugend ist Grup Yorum bekannt. Selbst in Teehäusern und Discotheken werden ihre schwermütigen, balladesken Lieder gespielt.

Das hätten sich die jungen StudentInnen sicher nicht träumen lassen, als sie anno 1985 das Projekt Grup Yorum aus der Taufe hoben. "Wir haben versucht, mit dem Medium der revolutionären Volksmusik eine gesellschaftliche Gegenstimme in der Türkei hörbar zu machen", erklärt ein Yorum-Gründer die ursprüngliche Intention. An der halten die MusikerInnen bis heute fest. "Wir sind in erster Linie politische AktivistInnen und machen erst in zweiter Linie Musik"; das ist unter den acht MusikerInnen der aktuellen Band-Besetzung noch immer Konsens - eine Tatsache, die sich auch darin zeigt, dass immer wieder Konzerte verboten oder von den Sicherheitsbehörden unter den unterschiedlichsten Vorzeichen vorzeitig beendet werden. Auslandstourneen wurden verhindert, indem die Pässe der Musiker schlicht eingezogen wurden. Erst im August saß ein Bandmitglied mehrere Tage lang im Gefängnis. Der größere Bekanntheitsgrad jedenfalls ist kein Schutz vor Repression. Auch wenn die Zahl der verkauften CDs gestiegen ist, der Erfolg werde ihnen nicht den kritischen Stachel ziehen, geben sich die MusikerInnen überzeugt.

Ihre Namen wollen sie nicht nennen, weil sie keinen Starkult fördern wollen. Doch einige Zugeständnisse an den Erfolg machen sie schon. Nach jedem Konzert werden sie von Jugendlichen um Autogramme gebeten, und die MusikerInnen zücken die Kugelschreiber. "Aber alle zusammen und nur die Vornamen", sagen sie. Denn schließlich legt man Wert darauf, ein kollektives Projekt zu sein. Die Einnahmen werden für Stadtteilkulturzentren in den Armenvierteln oder den alevitischen Stadtteilen von Istanbul verwendet. Dort trifft sich auch zweimal die Woche der Yorum-Chor, die Talentschmiede der Band.

Wer ein Yorum-Konzert besucht, muss sich auf zwei Stunden Folk einlassen. Punk- oder HipHop-Elemente sucht man bei Yorum vergeblich. "Wir singen die populäre Musik der anatolischen Menschen. Schließlich wollen wir alle Generationen und nicht nur die Jugend ansprechen", betonen die MusikerInnen. Auslandsauftritte von Yorum waren immer ein Stelldichein der türkischen Linken über alle parteipolitischen Streitereien hinweg. In letzter Zeit haben sich sogar einige Deutsche in die Konzerte gewagt. Warum auch nicht; schließlich ist die Zeit der politisch korrekten LiedermacherInnen so lange auch noch nicht vorbei. Peter Nowak

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