Neues Deutschland vom 26.09.2000Platzt das Garchinger Atomei?

    Widerstand gegen Münchner Forschungsreaktor

"Endlich wird der erste Atomreaktor, der in Deutschland in Betrieb genommen wurde, abgeschaltet"; - so begann die Presseerklärung einer Anti-AKW-Initiative vor einigen Wochen. Doch die Stillegung des 1957 gebauten Atomforschungsreaktor in Garching bei München hat nichts mit den rot-grünen Ausstiegsplänen zu tun.

Das sogenannte Atomei wurde aus Altersgründen ausgemustert. Mit dem Forschungsreaktor München (FRM II) soll im nächsten Jahr eine moderne Variante des Garchinger Atomeis in Betrieb gehen. Die 3. Teilerrichtungsgenehmigung wird für diesen Herbst erwartet. Der von Siemens und der Münchner Universität gebaute Reaktor ist ein Renommierprojekt der Bayerischen Landesregierung. Seit Jahren werden grosse Geldsummen für die Akzeptanzwerbung ausgegeben. Der medizinische Nutzen des Forschungsreaktors wird in den Mittelpunkt gestellt und seine totale Harmlosigkeit hervorgehoben. Zu Unrecht findet Gina Gillig von der Initiative "Bürger gegen Atomreaktor Garching". "Es ist zu befürchten, dass vor den Toren Münchens ein atomares Zwischenlager entsteht;" so ihre Befürchtung.

Mit zwei weiteren Akw-Kritikern gründete Gillig im September 1990 die atomkritische Initiative. Zum 10 jährigen Jubiläum zogen die Aktivisten nun ein Resümee ihrer Arbeit. Zur ersten Demonstration 1993 kamen mehr als 1500 Menschen in den Münchner Vorort. Seitdem kam es immer wieder zu kleineren Proteste. Spektakuläre Aktionen, wie bei der Ende der 80er Jahre ebenfalls in Bayern geplanten Wiederaufarbeitungsanlage (WAA), blieben vor dem Atomei allerdings aus. Da der Reaktor nicht zur Stromerzeugung dienen soll, hält sich das Interesse der Anti-AKW-Szene außerhalb des Freistaats in Grenzen. Der Schwerpunkt der Initiative liegt allerdings in eher unspektakulärer Arbeit vor Ort. Im Rahmen der Öffentlichkeitsbeteiligung im atomrechtlichen Genehmigungsverfahren hatte die Initiative im Dezember 1993 dem Bayerischen Umweltministerium über 50000 Einwendung besorgter Bürger aus der Umgebung überreicht. Die wurden von der bayerischen Landesregierung aber ebenso ignoriert wie das Ergebnis eines rechtlich unverbindlichen Bürgerbegehrens, in dem sich 1999 die Mehrheit der Garchinger Bevölkerung gegen den neuen Atomreaktor ausgesprochen hatte.

Den juristischen Kampf um die beiden bisherigen Teilgenehmigungsverfahren haben die Reaktorgegner allerdings verloren. Trotzdem rechnen sie sich bei ihrer angekündigten Klage gegen die 3.Teilgenehmigung bessere Chancen aus.

Neben den Umweltschäden in der Umgebung von Garching ist das der Reaktorgegner allerdings außenpolitischer Natur. Mit dem Bau des FRM 2 würde sich die bayerische Landesregierung über weltweite Bemühungen hinwegsetzen, atombombenfähige Uran mehr und mehr zu dezimieren. Denn erstmals seit zwei Jahrzehnten würde wieder ein Reaktor in Betrieb genommen, der mit hochangereicherten Uran beschickt wird. Das Material kann auch zum Bau von Atombomben verwendet werden. Ein Umstand, der mit dazu beigetragen hat, dass das Garchinger Projekt in den USA äußerst kritisch gesehen wird. Dort wurde die Befürchtung geäußert, dass in Garching ein Präzedenzfall geschaffen werde und ein neuer Markt für den Atombombenstoff entstehen könnte.

Peter Nowak

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