Berliner Stadtmagazin Tip 1/2000, 6.1. - 19.1.2000



Fluchthelfer

Der Theaterregisseur Antonín Dick haßt Blockwartmentalität und macht deshalb
etwas sehr Altmodisches: Politisches Theater.

In der Senatsverwaltung war man gehörig überrascht. Dass da einer anruft, sich
für Flüchtlinge einsetzt und Unterschriften sammelt gegen den Satz „Wir wollen
den Menschen mit Nachdruck klarmachen, dass sie ausreisen sollen“ – so
kommentierte ein Sprecher der Berliner Sozialverwaltung die Berliner
Flüchtlingspolitik –, ist offenbar ungewöhnlich. Ansonsten bekämen sie
Zustimmung für die harte Linie, erklärte der Senatsmitarbeiter dem Anrufer
Antonín Dick. Doch der Theaterregisseur und Autor läßt sich auf eine solche
Diskussionen gar nicht erst ein. Das sind Argumente, mit denen Protest einfach
abgewiegelt werden soll, meint er.

Diese Unterschriftenaktion war auch für Antonín Dick ungewöhnlich, allerdings
aus anderen Gründen. Tagespolitik macht er sonst nicht. „Aber das Theater muss
auf die Politik reagieren“, sagt er. Wie die Kunst überhaupt. „Anno l945“ heißt der
Titel des Gedichts, dass er 1971 geschrieben und 1999 veröffentlicht hat:

„Ein paar großäugige Soldaten
Zielen auf Katzen
Sie fällen die Bäume
Und pflücken das Getier
Währenddessen geht der Blockwart
Sein Gesicht umzutauschen“

In diesen Zeilen leben auch seine biographischen Erfahrungen als Kind
deutsch-jüdischer Eltern auf. Ein Großteil seiner Verwandtschaft wurde in der
Nazizeit im Konzentrationslager ermordet. Seinen Eltern gelang die Flucht nach
Großbritannien, wo er 1941 geboren wurde. Wie viele Nazigegner wollten auch
Dicks Eltern in der DDR eine neue Gesellschaft aufbauen. Als Kind von
Emigranten hätte dem jungen Antonín eine glänzende künstlerische Laufbahn in
der DDR offengestanden. Doch schon 1982, auf dem Höhepunkt der Proteste
gegen die atomaren Mittelstreckenraketen in Ost und West, sorgte er für einen
Eklat mit seinem „Antikriegsprogramm“, dass er als Regisseur des renommierten
Arbeitertheaters der Kabelwerke Oberspree aufführte. Auf eine Tafel hatte er
Begriffe aus der DDR-Alltagssprache geschrieben, „die aus dem letzten Krieg
stammen und immer noch unsere Köpfe bewohnen“: die polen sind faul /
ernteschlacht/ parteigenosse/ kulturkampf. Berufsverbot und ständige
Repressalien wegen Verbreitung von Pazifismus waren die Folge. „Mein Status
als Emigrantenkind bewahrte mich vor Schlimmeren“, ist Dick überzeugt.

„Ich war kein Antikommunist, aber überzeugt, dass die DDR nicht mehr zu
reformieren ist“, so Dick rückblickend über sein Engagement in der
„Arbeitsgruppe Staatsbürgerschaftsrecht der DDR“, die er 1987 mitbegründete.
Mit dem dort propagierten Recht auf Ausreise stand die Gruppe nicht nur in
Frontstellung zum SED-Staat sondern auch zum Großteil der Oppositionellen.
Diese Position zwischen allen Stühlen behielt Dick auch bei, nachdem er 1987 in
den Westen übersiedeln konnte. „Manche Alt-68er wollen uns gleich in die rechte
Ecke stellen“, erinnert sich Dick. Gleichzeitig wurden in linken Künstlerkreisen der
gut ausgebildete Theatermann aus dem Osten als Konkurrent um die knappen
Stellen betrachtet.

Im Oktober 1991 gründete er das Jakob van Hoddis Theater, benannt nach dem
deutsch-jüdischen Wegbereiter des Expressionismus, der von den Nazis als 20
Asphaltliterat geschmäht, 1942 in einem Vernichtungslager ermordet wurde.

Die auf verschiedenen Bühnen aufgeführten Stücke des Jakob van Hoddis
Theaters wie„Ich, Susanne Salomon“ und „Ich komme hier wieder heraus“
kreisen um die deutsche Vergangenheit aus der Perspektive der Opfer. Doch
aktuelle Bezüge werden nicht ausgespart. Schließlich brannten in den 90er
Jahren in Deutschland wieder Flüchtlingsheime und Synagogen. „Als die
Jüdische Gemeinde in Erfurt von Neonazis mit einem Schweinskopf geschändet
wurde, haben wir diesen Anschlag sofort in provokativer Form in die Inszenierung
eingearbeitet.“

Auch mit seinem neuen Theater-Projekt greift Dick in die politische Debatte ein.
Am 22. Januar veranstaltet er mit der Aufführung „Ballade vom Emigranten“ eine
Benefizveranstaltung zugunsten von Flüchtlingskindern. Der Termin ist mit
Bedacht gewählt. In Israel bepflanzen am 22. Januar jüdische Kinder zum
Neujahrsfest der Bäume die Wüste. Mit seiner Arbeit will Dick Hoffnung pflanzen.
Gegen neue und alte Blockwarte, wie er in seinem Gedicht „Anno 1945“ schreibt.

Peter Nowak

 Der Benefiz-Theaterabend für die Flüchtlingskinder findet am 22. Januar um 20
Uhr im Theater Mosaik in der Oranienstraße 34 in Berlin-Kreuzberg statt (Tel: 615
64 93).

TIP Verlag GmbH
Potsdamer Straße 89
10785 Berlin

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