Und immer wieder wächst das Gras

Zurückgekehrt: Das "Festival des politischen Liedes" feiert sein dreißigjähriges Jubiläum

"Da sind wir aber immer noch, und der Staat, der ist noch da, den Arbeiter erbaun . . .", sang man seit 1970 auf dem Festival des politischen Liedes jedes Jahr im Februar in Ostberlin. Nach der Wende versuchten eine Reihe von KünstlerInnen das Musikevent als "ZwischenWeltFestival" am Leben zu halten. Vergebens, 1994 musste der Versuch als gescheitert angesehen werden. Dass es nun ein Revival des Festivals des politischen Liedes geben wird, ist dem bereits 1990 von JournalistInnen, KünstlerInnen und KunstwissenschaftlerInnen gegründeten Verein "Lied und soziale Bewegungen e. V." zu verdanken. "Das Festival des politischen Liedes kehrt zurück", heißt es auf der Homepage, und weiter, trotzig: ". . . da sind wir aber immer noch."

Mitorganisator Lutz Kirchenwitz warnt vor übertriebenem Zweckoptimismus: "Zunächst ist das Festival eine einmalige Veranstaltung anlässlich des 30. Jubiläums." In die Ecke der Ostnostalgiker mag sich Kirchenwitz nicht stecken lassen: "Die kritische Aufarbeitung der Festivalgeschichte wird einen breiten Raum einnehmen." Besonders auf dem Workshop "Zwischen Engagement und Instrumentalisierung" werde der kritische Rückblick im Vordergrund stehen.

Engagement und Instrumentalisierung: Zwischen diesen beiden Polen bewegte sich das Festival seit seiner Entstehung aus den Jubiläumskonzerten des Oktoberclubs. All jene, die die DDR auf Stacheldraht und Stasi reduzieren wollten, sahen in dem Festival "Inszenierung der SED-Bonzen" (Wolf Biermann). Differenzierter urteilten die AutorInnen des Buches "So funktionierte die DDR", die dem Festival bescheinigten, nie vollständig unter Kontrolle der SED geraten zu sein und ein Fenster zur Welt geöffnet zu haben.

Andere betrachteten das alljährliche Musikevent als einen politischen Karneval, wie es der Liedermacher und Schriftsteller Hans-Eckardt Wenzel formulierte, der auf dem Festival sowohl als Referent als auch als Künstler vertreten sein wird.

Freitagabend tritt Billy Bragg im Rahmen des Festivals in der Volksbühne auf. Der englische protest singer hatte mit dem Festival widersprüchlichen Erfahrungen gemacht: Wurde er bei seinem ersten Auftritt während des britischen Bergarbeiterstreiks hoch gelobt, zog er sich 1989 mit einigen ironischen Bemerkungen über die Berliner Mauer den Unmut der DDR-Kulturfunktionäre zu.

Billy Bragg ist alte Schule. Dass politischer Protest heute auch im popkulturellen Kontext anders funktioniert als in den 70er- oder 80er-Jahren, haben die FestivalmacherInnen nicht bemerkt: Nach HipHop etc. sucht man im Programm vergeblich. Trotzdem herrscht bei den VeranstalterInnen das Prinzip Hoffnung. Lutz Kirchenwitz: "Vielleicht ist ja während der Veranstaltungen das Interesse an Musik, die sich einmischt, groß genug, damit wieder etwas Neues entstehen kann." Wie heißt es doch so optimistisch auf dem Flyer zum Jubiläums-Festival: "Immer wieder wächst das Gras."

Peter Nowak

Das Festival des politischen Liedes beginnt ab morgen, 18 Uhr, in der Wabe, Danziger Str. 101; Infos, Kartenvorbestellungen und genaues Programm unter Tel. (0 30) 42 80 17 02

taz Berlin lokal Nr. 6075 vom 23.2.2000

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