Der Türkeipavillon - eine große Touristikmesse 18.07.00 Internetseite Xpositon

Das reale Leben kommt im Türkeipavillon nicht vor - Von der Expo läßt es sich allerdings nicht ganz verbannen. Dafür sorgen Proteste von PazifistInnen und Menschenrechtlern


Von Peter Nowak

Wer vom Bahnhof Expo-Laatzen das Gelände der Weltausstellung betritt, fühlt sich an futuristische Stadtskizzen erinnert, mit denen der „stern“ in den späten 60er seine Leser einen Blick in die Zukunft werfen ließ. "So sehen unsere Städte im Jahr 2000 aus," war der Beitrag überschrieben.

Nun ist dieses technizistische Zukunftsmodell zumindest zwischen dem Messe-Bahnhof und dem Expo-Eingang Wirklichkeit geworden. Röhren mit Rolltreffen, auf denen die BesucherInnen einige Hundert Meter transportiert werden. Ausgespuckt werden sie vor der großen Halle, dessen Ambiente an einen Flughafen erinnert. Die Kontrollgeräte für das Gepäck, die teuren Läden mit Souvenirs, alles ist dort vorhanden. Gar nicht so unpassend, die Expo in einer Flughafenhalle beginnen zu lassen. Schließlich sehen manche Länderpavillons so aus, als wäre ihre Aufgabe ausschließlich die Ankurbelung des einheimischen Tourismus.

Nehmen wir beispielsweise den türkischen Pavillon. Von aussen ist das Gebäude eher unscheinbar. Das Interesse der Besucher ist messbar gestiegen, nachdem sich die Boulevardpresse über die schwache Blase eines skandalerfahrenen Adeligen echauffiert hat, der sich wohl zufälligerweise gerade am türkischen Pavillon entleerte. Manche stellen sich dort jetzt an besagter Stelle zum Familienfoto auf. Der Grund für die ständige Menschenschlange vor dem Pavillon ist einer auf der Expo häufig angewandten Taktik geschuldet. Die Türen werden nur alle 10-15 Minuten geöffnet. Wenn die Menschenmenge groß genug ist, wird der Eingang frei gegeben und die BesucherInnen finden sich in einem "visuellen Abenteuer, einer Reise in die Vergangenheit", wie auf den Plakaten erläutert wird.

Ein prähistorischer Tempel wird mit modernster Technik vorgestellt. Benommen taumeln die BesucherInnen aus dem Filmraum und werden weiterhin mit bewegten Bildern konfrontiert. Strandszenen, Freizeitsport, verschiedene historische Ruinen. Dazwischen kann man sich in einer Ecke via Monitor über die Produktion von Glas informieren. Eingestreut sind in dieser Präsentation einfach gestrickte Merksätze: "Turkey, the heavenly melody of civilizational harmony". An anderer Stelle heißt es schlicht: "Die Türkei ist das Tor zum Osten".
Breiten Raum nimmt die Präsentation von Werken des Künstlers Ilhan Koman ein. "Diese symbolisiert die Toleranz des anatolischen Menschen und die liebevoll geöffneten Arme stehen für die Gastfreundschaft der Türkei," heißt es im Begleittext vor der Nachbildung von Komans Plastiks "aus dem Mittelmeer", die im Original vor der Industrie- und Handelskammer in Istanbul steht.
Höhepunkt dieser Touristik-Show ist ein silbrig-glänzender Pavillon, der mit Szenen aus dem prähistorischen Löwenhoroskop garniert ist. Im Innern des abgedunkelten Raumes ist eine Freske mit Löwenmotiv im Glasboden eingelassen, der mit roten von Laserstrahlen verbundenen Punkten übersät ist. Auf Schautafeln wird erklärt, dass die dargestellten Szenen in der Regierungszeit des König Antiochus I eine große Bedeutung gehabt hätten. Am 7.Juli 62 v.d.Z. zogen dicht am Sternbild des Löwen die Planeten Jupiter, Mars und Merkur vorbei. Dieses Motiv sei "Symbol des universellen Friedens in Anatolien" heißt es mystisch-esoterisch. Mit dieser Botschaft verlässt der Besucher den türkischen Pavillon. Er ist jetzt zwar über manches in der Vergangenheit dieses Landes informiert. Das reale Leben in der Türkei heute ist jedoch völlig ausgeblendet, lediglich eine Wandtafel informiert über die Bedeutung des Industrie- und Finanzstandorts Türkei.

Dass es mit der so gerühmten anatolischen Toleranz nicht gar so weit her sein kann, machte unlängst eine Ausstellung der Menschenrechtsorganisation Amnesty International im Expo-Themenpark „Mensch“ deutlich. Unter den zahlreichen Beispielen von Menschenrechtsverletzungen in aller Welt wurde dort auch der Fall mehrerer türkischer Kinder und Jugendlicher mit Video sowie Stelltafeln aufgenommen. Sie waren im Dezember 1995 verhaftet und beschuldigt worden, gegen das Anti-Terror-Gesetz verstoßen zu haben. Im Polizeipräsidium von Manissa wurden sie zehn Tage lang geschlagen und mit Stromstößen gefoltert. 1997 wurden zehn der Jugendlichen zu Freiheitsstrafen verurteilt. Das Gericht berücksichtigte die Foltervorwürfe genauso wenig wie die Erklärung der Jugendlichen, ihre Geständnisse seien unter dem Druck der Folter zustande gekommen. Nur ein kleines Beispiel aus dem türkischen Gefängnisalltag.

Doch die türkische Regierung reagierte wenig tolerant mit zwei Protestbriefen an die Expoleitung. Die ließ das Video und die Texte zwischenzeitlich gegen den Widerstand von Amnesty International entfernen. Erst nach massiven Protesten wurde die Ausstellung einen Tag später wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt.

Für den 19. August, dem Türkei-Ländertag auf der Expo, ruft Amnesty International gemeinsam mit anderen Gruppen zu einer Großaktion gegen die Menschenrechtsverletzungen in der Türkei auf. Um 9 Uhr soll am Klagesmarkt gegenüber dem türkischen Generalkonsulat eine Kundgebung beginnen. Gegen 13 Uhr soll es dann eine Demonstration zum Kröpcke geben. „Urlaub in der Türkei ?- oder wie Menschenrechte mit Füßen getreten werden“ heißt die Diskussionsveranstaltung am Freitag, den 18. August um 19.00 Uhr im Freizeitheim Linden. Daran sollen in der Türkei kriminalisierte Kriegsdienstverweiger teilnehmen. Auch gegen Waffenlieferungen in die Türkei und die demnächst anstehende Einführung von Islationsgefängnisse soll protestiert werden.
Das reale Leben in der Türkei wird im Länderpavillon zwar ausgespart bleiben, beim Expo-Nationentag der Türkei wird das allerdings nicht gelingen.

18.07.00

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