EXPO-Widerstand zieht in Hannover Bilanz, 12.07.00

Expo-Nationentage weitere Termine des Widerstands - Internetseite xposition -

Von Peter Nowak

Von der EXPO hört man derzeit wenig Gutes. Pleiten, Pech, Pannen, mangelnde Besucherzahlen mit einem Milliardenloch als Folge. Doch nicht nur die EXPO-Verantwortlichen haben Probleme mit dem Desinteresse der Bevölkerung an der Weltausstellung. "Weil die EXPO am 1.6. nicht stattgefunden hat, ging unser Blockadekonzept für den Eröffnungstag nicht auf"; meinte der EXPO-Kritiker Jörg Bergstedt am Wochenende in Hannover.

Knapp zehn Kilometer vom EXPO-Gelände entfernt trafen sich in den Räumen des Sprengel-Geländes ca. 40 AktivistInnen der bundesweiten Anti-EXPO-Koordination zur Nachbereitung. Die Stimmung war gedrückt. Kein Wunder, konnten doch die Pläne der EXPO-GegnerInnen, am 1.6. die Eröffnung der Weltausstellung zu verhindern, nicht umgesetzt werden.

Über die Ursachen gab es unterschiedliche Ansichten. Niemand wollte dem mauen EXPO-Start oder der staatlichen Repression die alleinige Schuld am Fehlschlag des Widerstands geben. Ein Vertreter der Ökologischen Linken kritisierte - wie schon bei den Vorbereitungstreffen- die Fixierung eines großen Teil der Anti-EXPO-AktivistInnen auf ausschließlich dezentrale Aktionen. Die Mehrzahl der Anwesenden aber sah gerade im dezentralen Konzept mit Verweis auf die Demonstration einen wichtigen Fortschritt. Diese Demonstration wurde nur vom unmittelbaren Nahumfeld der EXPO-GegnerInnen getragen und habe mit ihrem lustlosen Ablauf eher demobilisierend gewirkt, lautete die weitverbreitete Meinung. Kritik gab es auch an dem Hannover-Seattle-Vergleich, der im Vorfeld in Flugblättern und Aufrufen häufig bemüht wurde. "Damit wurde der EXPO-Widerstand auf Aktionen wie bei der WTO-Konferenz im November in den USA beschränkt und die inhaltliche Debatte kam zu kurz"; bemängelte ein EXPO-Gegner aus Berlin.

Der große Krach unter den EXPO-GegnerInnen blieb in Hannover allerdings aus. Der war befürchtet worden, nachdem in verschiedenen Papieren mit teilweise persönlichen Polemiken nicht gespart wurde. Besonders Gruppen aus Hannover hatten schon vor den Aktionstagen die Planung der bundesweiten Anti-EXPO-Koordination heftig kritisiert und teilweise gar vor der Teilnahme an den Aktionstagen gewarnt.
Die gebremste Streitlust beim Nachbereitungstreffen ist denn auch nach Meinung vieler Teilnehmer weniger einem neuen Harmoniebedürfnis als einer allgemeinen Ratlosigkeit geschuldet. „Das magische Datum 1.6. wurde derart gepusht, daß jetzt die Luft raus ist"; war verbreiteter Konsens am Wochenende. Zumal in Aufarbeitungspapieren das ernüchternde Fazit gezogen wurde, dass selbst die kleine radikale Linke die EXPO nicht mehrheitlich als Widerstandsfeld angenommen hat. Ein ungeklärtes Verhältnis zur Technik wurde als Ursache genannt. "Hegen nicht auch grosse Teile der Linken noch insgeheim die Hoffnung, die Technik in den richtigen Händen werde die Probleme schon lösen?" Ein Symptom für diesen Befund wurde in einem Berliner Nachbereitungspapier darin gesehen, dass die EXPO-Kritik von Linken sich immer noch in erster Linie an den vielen Steuergeldern erschöpfe, die die Ausstellung kostet. "Mit der symbolischen Politik, die durch die Expo vermittelt wird, haben die Linken noch immer Probleme".

Während einige AktivistInnen jetzt zu Aktivitäten gegen den IWF-Kongress im September in Prag mobilisieren wollen, ist die EXPO als Protestort jedoch längst noch nicht für alle abgehakt. Eine Reihe von Vorschlägen wurde gemacht. Doch ein Konsens war oft schwer zu finden. Manche wollten sich um Kontakte zu den auf der EXPO beschäftigten und mittlerweile entlassenen LeiharbeiterInnen aufnehmen, weil sie im System des Heuern und Feuern ein Symptom für die ihrer Meinung nach auf der EXPO propagierte neoliberale Ideologie sehen. Nicht wenige lehnten diese Vorschläge als populistisch ab. Mehr Zustimmung erhielt die Anregung, die unabhängig von der Anti-EXPO-Koordination organisierten Proteste zu verschiedenen Ländertagen zu unterstützen. So will die Migrantengruppe "The VOICE" gemeinsam mit der "Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und Migranten" am 13. Juli, den Kamerun-Tag, gegen das dortige Regime und ein von der Weltbank mitfinanziertes Pipelineprojekt demonstrieren, dass nach Angaben von Umweltverbänden irreversible Schäden für die Regenwälder und der BewohnerInnen zur Folge haben wird. Auch für den Türkei-Aktionstag am 19.8. und den Mexiko-Aktionstag am 20.8. bereiten Menschenrechtsgruppen Proteste vor. Beim Türkei-Aktionstag sollen die geplanten Waffenlieferungen sowie die demnächst drohende Einführung von Isolationsgefängnissen im Mittelpunkt der Aktionen stehen.
12.07.00

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