Neues Deutschland vom 12.5.2000
Gespaltene EXPO-Kritiker
In Hannover sieht man den Widerstand schon als gescheitert an
 
Während der Beginn der Großausstellung in der niedersächsichen Landeshauptstadt am 1.Juni unmittelbar bevor steht, sind ihre Kritiker aus dem linken Spektrum in ihrem Widerstand uneins.
 
"Das Potential der EXPO für die Linke, die Verknüpfung der einzelnen notwendigen gesellschaftlichen Kämpfe hatte keine Ausstrahlungskraft mehr, um zu einer kontinuierlichen Zusammenarbeit zu kommen. Wir sind an unserer Kraftlosigkeit gescheitert. Eine demonstrativ zur Schau gestellte Stärke ist Theater und unverantwortlich." Dieses wenig optimistische Resümee zogen einige linke Gruppen aus Hannover in einem Papier, dass am letzten Wochenende auf dem bundesweiten Anti-EXPO-Vernetzungstreffen in der Leinestadt verteilt wurde. Ausgerechnet am letzten Treffen vor dem TagX, dem Beginn der EXPO und ihrer Gegenaktionen, brach der Streit über die unterschiedlichen Konzepte noch einmal richtig auf.
 
Dabei gab es wohl auch eine Premiere in der Geschichte der bundesdeutschen Protestbewegungen. Das autonome Spektrum, dass bisher immer direkte Aktionen statt Großdemonstration favorisierte, scheint im EXPO-Widerstand neue Wege zu gehen. "Kommt zur Demo am 27.5.. Alles Andere überlegt Euch gut"; heißt es am Ende ihres Aufrufs. Dabei soll die anvisierte Großdemonstration unmittelbar vor dem EXPO-Beginn nur der Auftakt für die Aktionstage sein, die zeitgleich mit dem Beginn der Weltausstellung am 1.6. in Hannover starten sollen.
 
Nach dem Vorbild von Seattle soll am Eröffnungstag mit dezentralen Aktionen und Blockaden in der gesamten Innenstadt die EXPO lahmgelegt werden. Daraus soll wiederum eine Dynamik für die folgenden Tage entstehen. "Niemand kann voraussehen, welche Wirkung der 1.6. haben wird. ...Daher ist es unklar, wie die Tage danach aussehen;" heißt es etwas vage in der bundesweit verteilten Anti-EXPO-Zeitung. Mit einer Reclaim the Street-Party soll der erste Widerstandsteil am 3.6. abgeschlossen werden. Zeitgleich will die Redaktion der Zeitschrift "alaska" im Kulturzentrum Pavillon eine Perspektivdiskussion über die "Perspektiven des Internationalismus" führen. Ein genehmigter Campplatz in Hannover-Linden soll als Übernachtungsplatz für die anreisenden EXPO-Gegner dienen.
 
Ungeachtet aller Querelen sei das Interesse an den Aktionen im ganzen Bundesgebiet groß. Die Vernetzung und Koordinierung laufe regional und dezentral, gibt Anti-EXPO-Aktivist Jörg Bergstedt. Kritik äußerte Bergstedt auch an der PDS. Der Parteivorstand habe ein vom Institut für Ökologie erarbeitetes "Gutachten" mit Argumenten gegen die Weltausstellung mit der Begründung unter Verschluß genommen, dass der EXPO-Widerstand unseriös sei. Die für die EXPO zuständige PDS-Mitarbeiterin Gisela Gremberg betont allerdings, dass eine Positionierung der Partei zur EXPO erst auf einer der nächsten Vorstandssitzung erfolge. Es gebe längeren Diskussionsbedarf. "Zwischen der Forderung nach sozialverträglichen Eintrittskarten und der Ablehnung des EXPO als Leistungsschau des Kapitalismus muss ein gemeinsamer Standpunkt gefunden werden."
 
Während sich einige anvisierte Bündnispartner schwertun, verzichtet der EXPO-Widerstand auf andere freiwillig. Das speziell für Punks gedachte Chaos-Tage-Trainingslager zu EXPO-Beginn muss ausfallen. Die politischen Widersprüche eines Großteil der linken Szene Hannover zu dem Punk-Event waren zu gross.
 
Die Anti-EXPO-Aktivisten wollen den Widerstand nicht nur auf Hannover konzentrieren sondern auch die in der ganzen Republik verteilten EXPO-Projekte einbeziehen. Mit dem Aufkleber "Ich bin kein EXPO-Projekt" soll die Diskussion über Sinn und Unsinn der Weltausstellung angeregt werden. Zumindest in Hannover gibt man sich für alle Eventualitäten gerüstet. Am letzten Wochenende wurde ein spezielles EXPO-Gefängnis am Flughafen von Hannover der Öffentlichkeit vorgestellt, das zudem noch vielseitig verwendbar ist. Nach dem Ende der Weltausstellung soll es als Abschiebeknast benutzt werden.
 
Peter Nowak

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